20.01.21 – Die Rettung der Freude

Morgens reiße ich das Kalenderblatt ab und lese:

Ich freue mich jedes Mal, wenn schlechtes Wetter ist;

denn wenn ich mich nicht freue, ist auch schlechtes Wetter.“

(Ernst Kirchgässer)

Ich muss lachen und das ist schon mal ein guter Tagesbeginn.

Jawohl. Wir leben „in diesen Zeiten“ und „Zeiten wie diesen“ und die Freude bleibt uns manchmal im Halse stecken. Und wenn ich dann doch einmal – richtig aus voller Seele –

so einen Moment habe, wo ich einfach nur glücklich bin und mein Leben, mein Da-Sein genieße, sogar in „diesen Zeiten“, dann schleicht sich so ein kleiner fieser Gedanke an, der flüstert:

„Was, Du freust Dich? Das kann doch wohl nicht wahr sein – in diesen Zeiten! Die Kranken, die Sterbenden, die Existenznöte, die geplagten Familien, die Menschen auf der Flucht, die Menschen im Krieg!

Und du freust Dich, weil du ein Rotkehlchen gesehen hast? Weil es schneite? Denk mal an die Unfallopfer auf glatten Straßen, an das Vogelsterben und wenn wir einmal dabei sind – die Haltungsbedingungen unserer Nutztiere und den Klimawandel.

Du hast gefälligst traurig zu sein, besorgt und ängstlich! Verstanden? Hier gibt es nichts zu freuen. Das Leben ist ein Jammertal – begreife das endlich!“

Manchmal knicke ich ein. Manchmal schäme ich mich meiner Freude.

Und – helfe damit niemandem. Ich konsumiere pflichtbewusst schlechte Nachrichten, spende fix und schuldbewusst für Greenpeace und starre auf die Inzidenzwerte.

Manchmal knicke ich nicht ein. Manchmal singe ich eins der „Schmetter-Lieder“ aus dem Chor, z. B. „Singet froh, wir haben Grund zum Danken“ und streichle die, schon in den Startlöchern sitzenden, Blattknospen im Park.

Und – besuche dann meine 99-jährige Freundin im Heim, die auch jetzt noch, nach langem Leben und schweren Zeiten aller Art, sagt: „Frau Krenzlin, es muss ja doch alles an Gott vorbei.“

Ja, die Rettung der Welt liegt nicht in meinen Händen. Aber die Rettung der Freude und der Fröhlichkeit gehört zu den Grundbedingungen und Grundaufgaben des Lebens. Unseres eigenen Lebens und dem des Nächsten und manchmal auch noch des Übernächsten.

Und ich singe, was Paul Gerhardt 1647 (kurz vor Ende des Dreißigjährigen Krieges !!!) dichtete:

„Er gebe uns ein fröhlich Herz, erfrische Geist und Sinn, und werf all Angst, Furcht, Sorg und Schmerz ins Meeres Tiefe hin“ (EG 322, 5. Strophe)

Es nützt ja nichts  …. Ihre Claudia Krenzlin

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