Worte zum Tag – 19.Januar 2021

Klage, Schmuck und schöne Kleider

Es ist auch für glaubende Menschen schwer, die Ohnmacht und die Ratlosigkeit, den Widerspruch und die Zwiespältigkeit der Gefühle in der Coronakrise auszuhalten.

Es ist gut zu wissen, dass es schon immer Menschen gab, die in Notzeiten das gute Wort sprachen und das Leid und die Angst nicht kleinredeten, die zuhören konnten und um die Sorgen und Ängste wussten.

Im Alten Testament erzählt Jesaja, wie wichtig es ist, sich den Menschen zuzuwenden.

Der Herr hat mich gesandt, zu trösten, alle Trauernden. Jes 61,1.2.

Er erzählt mit einem hohen Einfühlungsvermögen, wie Herzen zerbrechen, weil die Zukunft zerplatzt, wie Gefangenschaft durch Krankheit oder Streit und Wut zum Freiheitsentzug in sich selbst oder in den eigenen vier Wänden quälend spürbar wird.

Jesaja will heilen, verbinden, trösten, was zerbrochen ist, was so weh tut und was Menschen traurig macht. Er stellt sich zu ihnen in ihre Ohnmacht und Ratlosigkeit, um zu begleiten. Er möchte mit seiner Offenheit und Gottesworten, „…ihnen Schmuck statt Asche, schöne Kleider statt eines betrübten Geistes gegeben.“

Das könnte die Aufgabe der Kirchen sein. Kirche eröffnet einen Raum, in dem wir für unser Leben wieder ein Gespür bekommen. Ein Ort, an dem wir neu genießen, wie es ist, schönen Schmuck und bunte Kleider zu tragen. Aber davor braucht es einen anderen, einen bergenden Raum, in dem die so oft unterdrückten Gefühle eine Sprache finden. Hier nehmen Worte der Klage und des Gebetes die gegenseitigen Vorwürfe um die richtigen Entscheidungen auf. Die konfrontative Anklage führt zur vielstimmigen Klage.

Menschen nehmen das Leid in dieser Krise unterschiedlich wahr. Wir werden ein neues Verständnis füreinander entwickeln, wenn unsere Gefühle und Ansichten nebeneinander stehen dürfen und gehört werden. Wenn wir unsere vielstimmigen Klagen und Gebete Gott vorhalten, werden wir nicht allein zurückgelassen.

Wir tragen miteinander im Namen Gottes nicht nur das Leid dieser Zeit, sondern auch den Schmuck und die Kleider der Zukunft.

Jesus spricht dies für seine Zuhörer in der Bergpredigt so aus: „Selig sind, die da Leid tragen, denn sie sollen getröstet werden.“ Mt 5,4

Ihr Martin Staemmler-Michael

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