Worte zum Tag – 14.Januar 2021

Gedankenreise

Neulich verlor ich mich vor dem Fernseher in Reisedokus. Etwas was man zur Zeit – in einem durchschnittlich grauen, nassen und kalten Januar in einer mitteleuropäischen Großstadt – nicht tun sollte. Oder vielleicht gerade?!
Ich flog über den Wolken der Sonne entgegen, nach Osten. Ich wanderte durch das Pamirgebirge, schlief in einer Jurte in der Mongolai, trank Wodka in einem Dorf in Usbekistan, steckte die Füße in den warmen Sand am Ufer des Schwarzen Meeres in Bulgarien, zeltete am Aralsee. Alles nur in meinem Kopf, versteht sich.
Als ich dann wieder in der Realität landete war ich zuerst einmal wütend und neidisch. Und unzufrieden. Wütend auf diesen Winter, dem ich nicht entfliehen kann, neidisch auf das Grün und die Sonne des Südens und auf all diese Orte auf der Erde, die ich für garantiert viel schöner hielt als den meinigen hier. Und unzufrieden mit mir, dieser Stadt, diesem Wetter, diesem Lockdown, diesem Jahresbeginn und überhaupt mit allem. Ich tat mir einfach mal so wunderbar selber leid. Kurz.
Die Nacht darauf träumte ich zur Abwechslung mal wieder lebhaft und klar. Ich träumte von genau jenen Bildern, die mich so neidisch gemacht hatten. Ich fühlte die Wärme, ich hörte das Durcheinander von Markttreiben und fremde Stimmen. Ich roch den Duft fremder Landschaft. Ich stand in den Bergen.
Als ich an jenem Morgen aufwachte war ich erwärmt, belebt, gut gelaunt und dankbar. Und ärgerte mich über mich selber am Abend zuvor. Denn die Schönheit, die ich gesehen und nach der ich mich gesehnt hatte – sie hat mich in Wahrheit nicht ärmer gemacht, weil sie mir zeigte, was ich nicht habe. Sondern sie hat mich reich und dankbar gemacht, weil sie da ist. Und weil es mir gut geht, da wo ich bin. Weil das mein Platz ist, genau jetzt.

Johanna Stein

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