Wie irrelevant – 5.Januar 2022

Ich muss das neue Jahr gleich mit einem Geständnis beginnen: Ich schaue in die Fenster anderer Leute und das auch noch gerne. Wenn ich mit meinem Trödelhund die Abendrunde gehe und er an jedem Baum und jeder Ecke die neuesten Nachrichten aus dem Hunde-Piesel-Chat erschnuppern muss, geht mein Blick zu den erleuchteten Fenstern. Ich begucke mir Kronleuchter und Hochbetten, Poster und Bücherregale, Grünpflanzen und Fensterbilder. Gerne auch die Schwibbögen und leuchtenden Sterne. Man kann dabei gut über Menschen und Dinge nachdenken und deren Bedeutung zueinander.

Vor einer Woche jedoch bleib mein Blick an der hell erleuchteten Wand einer Erdgeschoss-Wohnung hängen. Dort stand in großen roten Buchstaben:

Komm, lass uns irrelevant sein!“

Ich musste lachen, der Hund schaute mich erstaunt an. Um ihm keine Antwort schuldig zu bleiben, googelte sich sicherheitshalber nochmal die Bedeutung von „irrelevant“.
Da stand: „in einem bestimmten Zusammenhang unerheblich, ohne Bedeutung“.

Ich seufzte tief und dachte: „Oh ja! Was für ein herrlicher Vorsatz für 2022.“

Sich mal wieder klar werden, was für ein herrlich vagabundierendes Staubkorn ich Mensch bin. Durchaus ein Geschöpf Gottes, aber eben nur ein Geschöpf Gottes und nicht das Geschöpf Gottes. Ein möglichst liebevolles, nachdenkliches, tätiges Staubkorn, jedoch nicht der um mich selbst drehende, klugsch…nde, hyperaktive (Staub-)Stern, ohne den die Welt nicht funktionieren kann.

Ein möglicher Predigttext für den Neujahrstag stand im Buch der Sprüche, Kapitel 16, Verse 1-9. Ich empfehle die Lektüre. Ich empfehle vor allem den Satz:

Einen jeglichen dünken seine Wege rein, aber der Herr prüft die Geister.“ (Spr. 16,2)

Womöglich können wir der Prüfung der uns antreibenden Geister durch den Herrn eine kleine Runde eigener Relevanzfragen voranstellen:

Worin besteht mein Antrieb, so oder so zu sein, dies oder das zu tun oder zu lassen?

Geht es um die Sache oder geht es eigentlich um mich?

Geht es um den Nächsten oder geht es eigentlich wieder nur um mich?

Wo, wann und für wen bin ich wichtig oder nehme ich wieder nur mich selber wichtig?

Natürlich – es ist von allem was dabei. Die anderen und ich, ich und die Sache, der Zeitpunkt und ich. In uns allen steckt die Sehnsucht nach Wahrgenommenwerden und Relevanz.

Umso entspannender und entlastender empfinde ich diese rote Schrift: „Komm, lass uns irrelevant sein“. Wir sind in einem bestimmten Zusammenhang unerheblich und ohne Bedeutung. Und werden dennoch wahrgenommen.

So kann ich mich am Anfang des neuen Jahres in die Sprüche Salomos fallen lassen:

Befiehl dem Herrn deine Wege, so wird dein Vorhaben gelingen.

Des Menschen Herz erdenkt sich seinen Weg, aber der Herr allein lenkt seinen Schritt.“ (Spr. 16, 3+9)

Ja, ich bin relevant für Gott, wie jedes seiner Staubkörner. Das erlaubt mir – in manch bestimmten Zusammenhang – irrelevant zu sein. Zur Entlastung meiner Mitmenschen, zur Entlastung meiner selbst.

Ein gutes, behütetes und fröhliches neues Jahr wünscht die leicht angestaubte

Claudia Krenzlin

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