Von Gott will ich nicht lassen / Evangelisches Gesangbuch 365

Das Lied Von Gott will ich nicht lassen gehört zu den Liedern, welches einen beständigen Platz in der Fülle von Kirchenliedern einnimmt. Es beschreibt eine feste Gottesbeziehung und man kann zugleich Zeitgeschehen darin wahrnehmen; damals wie heute. Der Text von Ludwig Helmbold wird auf das Jahr 1563 datiert. Zu der Zeit wirkte Helmbold u. a. in Erfurt als Professor der Philosophie. Und genau in dieser Zeit wütet in Erfurt eine Pestepidemie. Es wird nicht schwerfallen, in Teilen des Textes die durch diese Epidemie ausgelöste Not zu spüren. Und wenn in vielen überlieferten Texten von schweren Zeiten die Rede ist, war das für Menschen damaliger Zeit immer mit zwei großen Bedrohungen verbunden: mit Krieg und Krankheit. Das scheint weit her zu sein, behält aber bis heute hohe Aktualität. Zu Helmbold ist ebenso zu erwähnen, dass er sich als theologischer Dichter zunehmend konfessionellen Auseinandersetzungen stellen musste. Im Zuge der Gegenreformation kostete ihn sein unangepasstes Verhalten sogar ein Rektorenamt. Glauben und Denken wurden und werden hier angreifbar, wo sich Meinungsfreiheit gegen Anpassung stellt. Die Melodie des Liedes hat eine interessante Geschichte hinter sich. Ursprünglich handelt es sich hier um ein weltliches Lied um 1550 Einmal tät ich spazieren. Helmbold übernimmt diese Melodie für seinen Text. Das dabei verwendete Verfahren der Kontrafaktur muss nicht erstaunen, es war so üblich, wie die Verwendung von Melodien anderer Komponisten für eigene Kompositionen. Als Singende des vorliegenden Liedes werden wir heute unsere ganz eigene Person mit dem Inhalt verbinden. Es ist eben ein Lied für alle Tage, an denen es auch um Sorgen der Existenz, Krankheit und Auseinandersetzung mit anderen Denkrichtungen geht. Und Helmbold dichtet bewusst ein Lied durch alle Straßen. Und dieses alle meint das Ebene und Unebene. Das Lied ist ein Lebenslied im Auf und Ab der Zeiten. Ein Lied, bei dem Text und Melodie ansprechen und im Singen und Hören unzähliger Kompositionen Kraft schöpfen lassen.

Stephan P. Audersch, Juni 2021

 

Auf der Aufnahme sind zu hören:

Hans Martin Schlegel, Trompete; Stephan Audersch, Klavier; Andreas Mitschke, Orgel.

*

One thought on “Gemeindelied des Monats Juni

  1. Was für eine herrliche Interpretation des Gesangbuchliedes! Das beweist mal wieder, dass sich Ernsthaftigkeit und Leichtigkeit, Sorgen und Freude, Ruhe und Tanz nicht ausschließen, sondern zueinander gehören! Bitte mehr davon, liebe drei Musikusse 🙂

  2. Das war eine bemerkungswerte Eingebung, Lieder aus dem Gesangsbuch näher zu “beleuchten” und einmal im Monat musikalisch in der neuen Rubrik darzubieten. Einen herzlichen Dank an die beteiligten Musiker.
    Ebenso sehr interessant sind die eingehenderen Zeilen zum Lied von Herrn Audersch, die zum Nachdenken anregen, wissenserweiternd sind und mich gleich zum Gesangsbuch greifen ließen.
    “Von Gott will ich nicht lassen, denn er lässt nicht von mir …”. Dieser Leitspruch begleitet mich schon seit Jahrzehnten. Nicht nur in “Hochphasen”, jedoch ganz besonders in den “Niederungen des Lebens” spürte ich, dass ich behütet bin und Kraft schöpfen konnte für Neuanfänge.
    Es ist schon bemerkenswert, dass der vor fast 500 Jahren von Ludwig Helmbold verfasste Text nichts an Aktualität eingebüßt hat.
    Elke Kurth

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.