Ein feste Burg ist unser Gott (EG 362)

Dieses Lied hat im Laufe seiner Geschichte unterschiedliche Reaktionen ausgelöst. Während die einen mit Gewissheit den Inhalt als unerschütterlich betrachten, stellen die anderen Teile des Liedes stark in Frage. Die Formulierung einer vor Waffen strotzenden Burg gibt Kraft und stößt gleichzeitig ab. Das geäußerte Feindbild in teuflischer Gestalt wird auch mit Luthers ablehnenden Äußerungen gegenüber anderen Menschen – und Glaubensgruppen in Verbindung gebracht. Das vermeintlich leichte Loslassen von Leib, Gut, Ehr, Kind und Weib befremdet. Das Lied stärkt und provoziert, es findet Zuspruch und Widerspruch, aber es schärft auch eigenes Nachdenken.

Mir fällt dazu folgende Legende ein: Als sich Martin Luther 1521/22 auf der Wartburg befand, soll ihn mitten im Studium der Heiligen Schrift der Teufel belästigt haben. Womöglich wollte dieser ihn von der weiteren Beschäftigung mit Gottes Wort und damit von Gott selbst abhalten. Wütend schleuderte ihm Luther ein Tintenfass entgegen, worauf der Teufel verschwand.

Ob sich dieses wirklich so zugetragen hat, ist an dieser Stelle gar nicht so wesentlich. Wesentlich ist der Kern der Legende, nämlich dem teuflischen der Welt zwischen Himmel und Erde etwas entgegenzusetzen. Dazu bedarf es manchmal auch außergewöhnlicher Mittel und wenn es ein Tintenfass ist.

Was hat Luther beim Niederschreiben des Liedes um 1528 bewegt? Familiäre Nöte, eigene schwere Krankheiten, Theologische Kämpfe und Auseinandersetzungen, Todesdrohungen, gewaltsame Todesfälle befreundeter Personen, Ungewissheiten, Zweifel an sich selbst und Anfechtung im Glauben. Luther greift in das jüdische Liederbuch der Mütter und Väter. Er wählt den 46.Psalm als Ausgangspunkt seines Liedes: Gott ist unsre Zuversicht und Stärke … wenngleich die Welt unterginge … der Herr Zebaoth ist mit uns. Und er versieht das Lied mit einer eigenen Melodie.

Diese Welt steckt voller Nöte und Ungerechtigkeiten, in ihr verbergen sich unheimliche und teuflische Kräfte. Sie bedrohen Existenz und Glauben. Vieles wird genommen und geht unwiederbringlich verloren. Bereit zum Wurf greift man da schon einmal zum Tintenfass, schreibt Trotzlieder und hält sich fest an DEM EINEN.

Stephan Paul Audersch, 11.Oktober 2021

Ausführende:

Constanze Hirsch, Gesang
Barbara Kroll-Hiecke, Flöte
Hans-Martin Schlegel, Posaune
Stephan Paul Audersch, Piano/Cembalo
Andreas Mitschke, Orgel