09.02.21 – Der Tröster

Ein Corona-Fall bewegt mich dieser Tage besonders. Da liegt ein Mann, Ende 70, auf der ITS des Krankenhauses. Es steht nicht gut um ihn. Seine Frau, ebenfalls Corona-erkrankt, ist nur wenige 100 m Luftlinie von ihm in der Wohnung in Quarantäne.
Sie können nur telefonieren. Er verabschiedet sich von ihr. Wenig später fällt er ins Koma. So (k)ein Abschied nach vielen, vielen Jahren gemeinsamen Lebens.
Ich weiß nicht, was er, was sie gesagt hat.

Ich fahre auf den Friedhof, besuche das Familiengrab und weil um diese Jahreszeit nicht viel daran zu tun ist, habe ich Muse, die Lebensdaten meiner Vorangegangenen in Ruhe zu studieren. Dabei wird mir zum ersten Mal bewusst, dass meine Oma innerhalb von nur 18 Monaten ihren Mann und ihren Sohn verlor. Die beiden, um die sich ihr ganzes langes Leben drehte. Beide starben unerwartet, fielen einfach tot um. Es gab überhaupt keinen Abschied. Kein Wort, keine letzte Umarmung. Ich weiß nicht, was sie gesagt hätten. Ich habe ihren Schmerz nicht auffangen können.

Immer wieder wird davon berichtet, dass die letzten Personen, die sterbende Corona-Patienten sehen, die vermummten Pfleger und Ärzte sind, die sich wie Außerirdische über sie beugen. Das einsame Sterben, eigentlich auch schon das einsame Kranksein, ist in meinen Augen das fieseste Detail dieser Erkrankung.
Und dennoch ist in mir die große Hoffnung, dass das Sterben (woran und wie auch immer), der allerletzte Weg, den wir ja in jedem Fall letztlich allein gehen müssen,
DOCH begleitet wird von einem liebenden Blick, von einer wärmenden Nähe, von einer hoffnungsvollen Zuversicht, die das innigste menschliche Miteinander übersteigt. Dass mich einer in den Arm nimmt, dass ich getröstet werde, dass ich – auch da – nicht allein bin.
Und heute (!!!) fiel mir ein Kalenderblatt von Klaus Nagorni in die Hände, der meine große Hoffnung unterstreicht:

Ich glaube,
dass das tiefste Geheimnis des Trostes
Anwesenheit ist.
Die Anwesenheit und Nähe Gottes,
der in der Bibel TRÖSTER genannt wird
und dessen Name heißt:
Ich bin da.

Für ihn gibt es keine Quarantänebeschränkungen, kein Besuchsverbot, er braucht keine Schutzkleidung, nicht einmal Worte. Sein Name verheißt seine Anwesenheit. Was für ein Halt, was für ein Trost schon jetzt für mich, die ich daran glauben kann. Möge er bei denen sein, die gehen müssen und bei denen, die zurückbleiben.

Claudia Krenzlin

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