Eine Frage – 23.Februar 2022

Vor einer Woche lief das MittWort auf eine Frage hinaus. Ob wir „eine Ahnung haben, wo und wie man seinen Glauben schärfen kann“? Wir wurden eingeladen, darauf zu antworten. Auf der Website der Taborkirche gibt es dazu die Möglichkeit. Dort lädt ein Kommentarfeld ein, auf das MittWort eine AntWort zu schreiben.

Doch es war, wie es fast immer ist: Es gab keine AntWort.

Dabei haben wir doch am letzten Sonntag im Gottesdienst vom Wort Gottes, um das es hier geht und das so scharf und lebendig sein soll, gehört: „Es wird nicht wieder leer zu mir zurückkommen.“ (Jes 55,11)

Oder ist das eine unberechtigte (um nicht zu sagen: anmaßende) Verknüpfung?

Oder ist es einfach so, dass sich viele nicht trauen, etwas ins Internet zu schreiben, weil ihnen das doch irgendwie nicht so recht geheuer ist?

Statt einer AnWort stellen sich also weitere Fragen.

Sie mögen etwas provozierend klingen.

Ja, ich will hier auch (jetzt wollen meine ängstlichen Finger fast automatisch „ein wenig“ schreiben) „provozieren“.

Und das ist auch schon meine persönliche Haupt-AntWort auf die im letzten MittWort gestellte Frage, „wie man seinen Glauben schärfen kann: Indem man sich provozieren lässt!

Dieses Wort hat bei uns einen eindeutig negativen Klang. Eine „Provokation“ – das klingt wie eine Beleidigung, wie ein Angriff, wie der Vorwand oder Beginn zu einem Streit und Krieg.

Aber das Wort bedeutet in seinem ursprünglichen Sinn: „etwas hervorrufen. Kann und muss das denn immer nur etwas Schlechtes oder Böses sein??

Und Gott sprach: Es werde Licht!“ (1Mose1,3). Das ist die allererste Provokation, die wir – bitte schön! – auch sinnbildlich verstehen dürfen. Nicht auszudenken, wenn statt dessen jemand „Och nö…“ gesagt hätte!

Dass die Frage, „wie man seinen Glauben schärfen kann“, überhaupt gestellt wird und gestellt werden muss, weist uns doch wohl darauf hin, wie es heute um unseren Glauben bestellt ist.

Nicht, dass wir keinen Glauben hätten!

Aber behandeln wir ihn nicht sehr oft wie das ererbte Silberbesteck unserer Urgroßeltern? Dieses liegt wohl verwahrt in seinem mit edlem Samt ausgeschlagenen Kästchen. Es ist im Laufe der Zeit schwarz angelaufen, und schneiden lässt sich mit den Messern, wenn man sie wirklich einmal benutzen wollte, meistens nur schlecht.

Und ohne Bild gesprochen? Wir gehen am Sonntag in den Gottesdienst, hören eine Auslegung von Gottes Wort, sagen hinterher „Ja, schön!“ oder auch „Naja…“ Und dann reden wir vor der Kirchentür über alles Andere, aber kaum über das Gehörte und unseren Glauben. Es mag Ausnahmen geben, aber das dürfte wohl die Regel sein.

Gehört das, was wir glauben, heute in den menschlichen Intim- und Schambereich?

Ist es ein Tabubruch, darüber außerhalb von kirchlich kanalisierten Kommunikationswegen ein Gespräch zu beginnen? Haben wir Angst, uns damit zu entblößen und bei anderen Befremden auszulösen?

Leiden wir vielleicht an einer Art Vermeidungszwang, der uns schließlich zu der scheinbar entlastenden Gegenfrage verführt: „Ist es denn wirklich so nötig, den guten alten Glauben zu schärfen?

Natürlich muss und soll sich niemand gezwungen fühlen, auf diese Fragen und Provokationen öffentlich im Internet zu antworten, wenn er oder sie sich dabei nicht wohlfühlt. Das wäre eine wirklich unverschämte und ziemlich unbarmherzige Forderung! Aber wenn es ein paar Beherzte gäbe, die eine AntWort wagen würden… Das könnte aus meiner Sicht dazu beitragen, unseren Glauben zu schärfen, und auch eine beispielgebende, befreiende Wirkung haben.

Gäbe, würde, könnte?
Ja, warum denn nicht? Hat Glauben nicht auch damit zu tun, über das, was ist, hinauszudenken?

Herzlichst und in Hoffnung grüßt Sie

Ihr Heinz Schneemann

 

Schnittig – 16.02.2022

Schnittig

Bei uns im Besteckkasten ist Beutegut: Ein Messer aus Moritzburg. Ich hatte es mitgenommen, als ich von dort wegzog. Mit diesem Messer verbindet mich eine Geschichte: In Moritzburg lebt man auf dem Campus zusammen. Es gibt gemeinsame Zeiten, gemeinsame Räume und eine gemeinsame Küche. Das Geschirr ist zusammengewürfelt und das Besteck stumpf. Bis zum Tag als der Hausvater (Bernd Grohmann) die Messer schärfen ließ. Vorher waren sie gut, um Butter aufs Brot zu schmieren, jetzt aber schnitten sie wirklich. Das hatte ich so nicht erwartet und dann auch schmerzlich spüren müssen.

In der Lesung für den kommenden Sonntag wird von der Schärfe eines Schwertes gesprochen: „Das Wort Gottes ist lebendig und kräftig und schärfer als jedes zweischneidige Schwert.“ (Hebr 4,12)

Lebendigkeit, Kraft und Schärfe: Es sind manchmal nicht die ersten Assoziationen, die mir zum Glauben einfallen. Manchmal eignet sich mein Glauben eher dazu, Alltagsbutter aufs Brot zu schmieren.

Aber vielleicht muss auch Glaube von Zeit zu Zeit geschärft werden?! Oder um ein anderes Bild zu gebrauchen, welches ich in einem Buch gefunden habe: „[D]as göttliche Grundwasser wartet in der Tiefe. Und der Brunnen muss immer wieder von Sand und Unrat befreit und bisweilen sogar ganz neu gebohrt werden. Ich spürte, dass ich in Resignation verfallen könnte, wenn ich mich im Oberflächlichen verliere“ (Knapp, A.: Wer alles gibt, hat die Hände frei. S. 38).

Es grüßt Sie Ihr

Pfarrer Dr. Sebastian Ziera

p.s.: Wenn Sie eine Ahnung haben, wo und wie man seinen Glauben schärfen kann, dann lassen Sie es mich wissen und schreiben es in den Kommentar unten.

Kommt her und sehet …. – 09.Fenruar 2022

Kommt her und sehet an die Werke Gottes, der so wunderbar ist in seinem Tun an den Menschenkindern.“

Psalm 66,5

Was geht in mir vor, wenn ich diese Zeilen des Wochenspruches lese? Ein sehr zwielichtiges Gefühl.

Zuallererst kann ich es nur bejahen und denke spontan an meine Kinder, meine Enkelkinder. Menschenkinder sind ein Wunder, das erfahre ich immer und immer wieder. Wenn ein Kind geboren wird, kann ich nur an dieses Wunder der Menschwerdung denken. Alles ist „organisiert“ und alles ist nicht wirklich mit unserem menschlichen Verstand begreifbar. Aus Zellen entsteht ein Leben, ein Lebewesen, ein Menschenkind.

Und wenn ich weiter schaue, ist alles da, was wir Menschen brauchen: die Luft zum Atmen, die Natur zum Leben, der Vorrat an Nahrung, die menschliche Gemeinschaft, die Intelligenz, das Leben zu meistern.

Eigentlich könnte ich jetzt meine Gedanken dazu enden lassen – und es wäre gut.

Aber fast gleichzeitig sehe und höre ich die Widersprüche, den Zweifel.

Ist wirklich alles so wunderbar?

Es gibt so viel Leid, so viel gefühlte Ungerechtigkeit, so viel Schmerz, so viel menschliches Versagen, so viel nicht Begreifbares, so viel Verzweiflung, so viel Unvollendetes, so viel Hass, Wut, Gewalt, Böses, so Vieles, was wir als kein wunderbares Tun ansehen.

Ist das auch ein Werk Gottes, welches wir uns ansehen sollen?

Der Beter des Psalm 66 hat ein Danklied für Gottes wunderbare Führung geschrieben. Es ist ein großer, ein wunderbarer ehrfürchtiger Dank. Und doch schreibt er auch, dass Gott uns prüft und läutert, uns Lasten auferlegt, uns untertänig sein und uns in Feuer und Wasser geraten lässt. Aber der Beter lässt sich nicht abbringen von seinem Dank. Er schreibt auch: Kommt her, höret zu, alle, die ihr Gott fürchtet, ich will erzählen, was er an mir getan hat.

Und genau dieser Satz: „was er an mir getan hat“, ist der, der mich den oben stehenden Text bejahen lässt. Die Werke müssen für mich nicht begreifbar sein, meist sind sie es auch wirklich nicht. Aber ich bin da. Ich lebe ein, mein, Leben. Ich sehe, fühle, höre, spüre, begreife das Leben um mich herum. Ich bin glücklich und froh, und ich zweifle und bin mit so vielem nicht einverstanden. Ich fühl mich lebendig und gesund, und ich fühl mich ausgelaugt, krank und matt. Aber es ist so für mich vorgesehen. Ich sollte es annehmen und mein Leben damit aus-füllen.

Levi ist traurig, weil sein Freund nicht im KiGa ist

Dieses „Vorgesehen“, dieses „Wunder“ ist es, was wir uns ansehen sollen.

Und dann können wir auch unseren eigenen Psalm, unser eigenes Danklied anstimmen.

Das Bild hat einer meiner Enkelsöhne von sich selber gemalt, voller eigener Emotionen.

Baberina Müller

Trozdem – 02.02.2022

Ich hatte mein Mittwort zum Schnapszahl-Mittwoch fertig. Es stand unter der – zugegeben ironischen – Überschrift „So schönes Wetter und ich noch dabei“ – ein Zitat von Wilhelm Raabe. Ich wollte ein bisschen Fröhlichkeit in dieses wirklich depressionsbegünstigende Wetter hineinschreiben, was ja wohl Vielen von uns zur Zeit echt auf den berühmten „Senkel“ geht. Aber die gestrige Schlagzeile (31.1.22) haut mir dazwischen.

Mord an zwei jungen Polizisten bei einer Verkehrskontrolle.

Zur falschen Zeit am falschen Ort?

Augen auf bei der Berufswahl?

Jeden Tag sterben Menschen…

Noch mehr platte Sprüche gefällig? Lieber nicht.

Na und, Claudia, was schreibst Du nun? Wie passen Zitat und wetterfühlige Fröhlichkeit

zum Mord …?

zum Missbrauchsskandal in der Kirche?

zum Säbelrasseln im Ukraine-Konflikt?

zum Desaster von Syrien und Afghanistan und und und …?

zum Partyspaß von Johnson im Lockdown und Trump reloaded?!

zum „Fang mich doch …!“ – Spiel der Viren mit der Welt?

Ja, schreib ruhig: Gott wird alles zum Guten führen, Gott verlässt nicht, Gott ist gerecht und hilft.

Und dann lachen die Menschen, zeigen dir einen Vogel und sagen: du und dein Gott!

Und stellen die Frage: WARUM – lässt er das zu ? Das Leid, das Unrecht, das Böse?

Und alle, die sich von niemandem reinreden lassen wollen in ihr Leben, weil es schließlich – gerade jetzt und in diesen Zeiten – IHNEN SELBST gehört … möchten, dass Gott da mal für Ordnung sorgt und zwar richtig.

Und ja, auch ich komme nicht umhin, immer wieder diese Warum-Frage zu stellen und – an ihr zu scheitern, weil es keine Antwort gibt, so sehr man sich theologisch an ihr abarbeitet. Manch einer resigniert und manch einer protestiert und …. ich ?

Ich streiche das zerknitterte Kalenderblatt glatt, was seit Jahrzehnten in meinem abgewetzten Portemonnaie klemmt, auf dem steht: Die Geschichte meines Lebens wird der Welt sagen, was sie mir sagt: Es gibt einen liebevollen Gott, der alles zum Besten führt.“ H. Ch. Andersen

Glauben ist ein großes gelebtes TROTZDEM. Und so schreibe ich trotzig: „So schönes Wetter – und ich noch dabei“. Wie oft habe ich schon spüren dürfen, dass die Sonne auch dann scheint, wenn ich sie nicht sehe. TROTZDEM!

Und TROTZDEM ziehe ich traurig die Gummistiefel an, gehe mit dem Hund in den matschigen Park und weine eine Runde, weil man es im Regen nicht sieht … und weil das manchmal sein muss und sein darf … bis ich den liebevollen Blick von Jesus wieder spüre, der um all das weiß …

Am nächsten Tag (1.2.22) schlage ich mein Morgenbüchlein auf und lese: „Jesus fasste das Kind an der Hand und sagte zu ihm: Talita kum!, das heißt übersetzt: Mädchen, ich sage dir, steh auf!“ Markusevangelium 5,41-42

Und auch wenn ich längst kein Mädchen mehr bin, fallen mir diese weichen Worte ins Herz: Talita kum! Und ich weiß, dass Gott mir gerade die Hand gereicht hat …

Vielleicht helfen auch Ihnen diese Worte durch den Tag, durch das Wetter, durch das Leben: Talita kum! – auch wenn Sie kein Mädchen sind.

Das wünscht von Herzen Ihre /Eure Claudia Krenzlin

AR und ER – 26.01.2022

Über dir geht auf der HERR, und seine Herrlichkeit erscheint über dir.

Mit diesem Spruch aus Jesaja 60,2 geht am kommenden letzten Sonntag nach Epiphanias die Weihnachtszeit zu Ende.

Das Wort fasziniert mich immer wieder. Vor meinen inneren Augen entsteht das Bild eines Sonnenaufgangs. Bisher herrschte die Dunkelheit. Ringsum gab es nichts als Grautöne. Die Welt schien nur aus verschiedenen Abstufungen von Schwarz und Weiß zu bestehen. Doch dann geschieht ein Wunder: Die Sonne lässt alles in leuchtenden Farben aufscheinen. Die Welt ist so viel reicher und schöner als es in der dunklen Zeit zu sein schien.

Für uns ist das ein alltäglicher Vorgang, den wir an jedem Morgen neu beobachten können. Wir wissen, dass hier optische Gesetze wirken. Und doch geschieht es in stillen Augenblicken immer wieder einmal, dass uns dieses Geschehen auf einer tieferen Ebene berührt und in einer Weise anspricht, die wir nur schwer in Worte fassen können. Dann kommt es uns wie ein Wunder vor.

Jesaja sieht aber noch etwas Größeres: Er spricht nicht von einem Sonnenaufgang, sondern vom Aufgehen Gottes und dem Erscheinen seiner Herrlichkeit. Das sind keine alltäglichen Gedanken mehr. Und doch liegt ein solcher Schluss nahe. Schon der Liederdichter und Pfarrer Philipp Spitta schrieb 1833 in dem Lied Freuet euch der schönen Erde: Findet sich schon in Gottes Schöpfung so ein wunderbarer Schein, o was muss an seinem Herzen erst für Glanz und Wonne sein (EG 510,5).

Es mag seltsam erscheinen, aber manche alte Vorstellung kann in unserer Zeit mit ihrer hochmodernen Technik auf eine neue Weise einleuchtend werden. Und zwar deshalb, weil sich heute die scheinbar engen Grenzen der sogenannten Realität verschieben. Wer ein neueres Smartphone besitzt, wird früher oder später einmal auf die AR stoßen. AR steht für augmented reality – die erweiterte Realität. Dabei werden dem Betrachter zusätzlich zu dem, was er über die Kamera in seiner Umgebung sehen kann, weitere Informationen eingeblendet, die ihm dazu noch wichtige Hinweise geben oder den Weg zeigen können.

Gibt es da einen Zusammenhang zwischen AR und dem Glauben? Wie schon gesagt, es mag seltsam erscheinen, aber beim Glauben geht es auch um eine Erweiterung unserer natürlichen Wahrnehmung. Um ein tieferes Sehen und Verstehen von wichtigen Zusammenhängen in unserem Leben. Um die Entdeckung von Sinn und Möglichkeiten, sowie um Freude und Hoffnung, die dem äußeren Blick verborgen bleiben. Der Grund dafür ist allerdings nicht AR, sondern ER. ER steht für Gott. Man könnte aber auch von enlighted reality sprechen – von erleuchteter Realität. Denn wenn ER über uns aufgeht und seine Herrlichkeit über uns erscheint, können wir unsere Lebenswirklichkeit mit den erleuchteten Augen des Herzens (Epheser 1,18) sehen.

Das wünsche ich Ihnen am Ende dieser Weihnachtszeit!

Ihr Heinz Schneemann

 

Und es werden kommen…. – 19.Januar 2022

“Und es werden kommen von Osten und von Westen, von Norden und von Süden, die zu Tisch sitzen werden im Reich Gottes.” | Lk 13,29

Es ist Montag kurz vor 18.30 Uhr. Ich bin mit dem Fahrrad auf dem Weg zur Taborkirche. Für diesen Abend haben sich „Spaziergänge“ angemeldet. Im Vorfeld ging es in den sozialen Netzwerken heiß her. Grund war, dass der Kirchenvorstand der Taborgemeinde beschlossen hat, die Räume der Kirche für ein Impfteam des DRK zu öffnen. Das sorgt bei machen für Unmut. Nach dem Aufruf zum „Spazierengehen“ meldete „Kleinzschocher wird bunt“ eine Kundgebung an. Aus einer Mischung aus Sorge und Verantwortungsgefühlt verabredeten sich Mitglieder des Kirchenvorstandes vor dem Hauptportal.

Spaziergänger“, „bunte Kleinzschochersche“ und KV: Eine eigenartige Gemengelage.

Und dann – es ist schon dunkel – kommt eine junge Frau etwas unsicher auf den Vorplatz der Kirche. Ganz offensichtlich weiß sie nicht, zu welcher Gruppe sie gehen soll, wo sie hingehört.

Aber aus der Unsicherheit heraus ergibt sich zwischen uns ein Gespräch über ihre Sorgen und Nöte, über die Gedanken und Hintergründe des Kirchenvorstandes, über Kirche überhaupt und allgemein. Und im Austausch merke ich, dass sicher einiges ist, was uns trennt, aber auch vieles, was uns verbindet. „Und es werden kommen von Osten und von Westen, von Norden und von Süden“: Gemeinschaft trotz aller Zuordnung.

Es ist Montag kurz nach 20.00 Uhr. Ich fahre mit meinem Fahrrad wieder nach Hause. An diesem Abend habe ich Menschen kennengelernt, denen ich sonst wohl nie über den Weg gelaufen wäre.

Und ich bin dankbar über den Austausch und die Gemeinschaft. Schon komisch, wie das manchmal so geht.

Es grüßt Sie mit Gedanken zum Spruch für diese Woche

 

Ihr Pfarrer Dr. Sebastian Ziera

 

 

… das Feld sei fröhlich – 12.Januar 2022

 

„… das Feld sei fröhlich und alles, was darauf ist; und lasst rühmen alle Bäume im Walde…“

Psalm 96/12

Dieser Vers kam mir in den Sinn, als ich mit einer sehr guten Freundin vor nicht allzu langer Zeit den FriedWald Planitzwald aufsuchte.

Wir sind nicht zufällig dorthin gegangen, sondern wir suchten ganz bewusst diesen so stillen Ort. Die schwere Krankheit meiner Freundin lässt solche „Ausflüge“ zu, sie bedingt sie geradezu. Unsere Gedanken sind unterschiedlich, und wir sind froh, dass wir offen miteinander reden können. Ich bewundere ihren Mut, sich mit diesem Thema zu beschäftigen. Sie ist froh, dass ich sie begleite, denn ihre Nächsten sind, sagen wir mal, zurückhaltend in dieser Thematik.

Fast drei Stunden sind wir bei angenehmer klarer kalter Luft, aber auch bei Sonnenschein, bis es zu dämmern anfing, durch die verschiedenen Abteilungen gelaufen. Diese waren durch verschiedene Baumarten mal dicht bewachsen, mal ließen sie viel Licht durch. Wie wird es dort im Frühjahr, im Sommer aussehen, wenn die Bäume Laub tragen? Viele Namen, teils mit Geburts- und Sterbejahren, lasen wir an den Bäumen – und erfanden Geschichten dazu. Am Andachtsplatz ließen wir uns nieder, hörten dem Gezwitscher der Vögel zu und ruhten uns aus. Ein Meditationsweg führte uns zu einer Schutzhütte. Unser gemeinsamer Tag war ein schöner, ein wunderschöner.

Immer schon, seit unserer gemeinsamen Kindheit, gehen wir gern in den Wald. Der Wald ist uns nah, was der Grund der Suche wohl auch ist. Aber wir haben auch bemerkt, dass es nicht einfach ist, sich für diesen oder einen anderen Ort zu entscheiden. Da kommen verschiedene Gedanken auf, ein Für und Wider. Eigentlich möchte man sich doch nicht entscheiden und möchte noch lange die Möglichkeit zur Entscheidung haben.

Und dann kommt mir wieder dieser Psalmvers in den Sinn. Ich weiß, dass er anders gemeint ist, aber ich lese darin Tröstliches. Da ist vom Feld und vom Wald die Rede, ein fröhliches Feld, ein Wald voll rühmender Bäume. Das heißt für mich, jede Entscheidung ist richtig, überall gehöre ich zur Natur – und Gott ist sowieso überall.

Dass ich heute vom FriedWald schreibe hängt auch damit zusammen, dass meine Freundin heute ihren Geburtstag feiern darf. Das ist ein großes Geschenk. Und dafür dürfen die Felder und Bäume jubeln und rühmen.

 

Baberina Müller  (Foto: privat)

 

Wie irrelevant – 5.Januar 2022

Ich muss das neue Jahr gleich mit einem Geständnis beginnen: Ich schaue in die Fenster anderer Leute und das auch noch gerne. Wenn ich mit meinem Trödelhund die Abendrunde gehe und er an jedem Baum und jeder Ecke die neuesten Nachrichten aus dem Hunde-Piesel-Chat erschnuppern muss, geht mein Blick zu den erleuchteten Fenstern. Ich begucke mir Kronleuchter und Hochbetten, Poster und Bücherregale, Grünpflanzen und Fensterbilder. Gerne auch die Schwibbögen und leuchtenden Sterne. Man kann dabei gut über Menschen und Dinge nachdenken und deren Bedeutung zueinander.

Vor einer Woche jedoch bleib mein Blick an der hell erleuchteten Wand einer Erdgeschoss-Wohnung hängen. Dort stand in großen roten Buchstaben:

Komm, lass uns irrelevant sein!“

Ich musste lachen, der Hund schaute mich erstaunt an. Um ihm keine Antwort schuldig zu bleiben, googelte sich sicherheitshalber nochmal die Bedeutung von „irrelevant“.
Da stand: „in einem bestimmten Zusammenhang unerheblich, ohne Bedeutung“.

Ich seufzte tief und dachte: „Oh ja! Was für ein herrlicher Vorsatz für 2022.“

Sich mal wieder klar werden, was für ein herrlich vagabundierendes Staubkorn ich Mensch bin. Durchaus ein Geschöpf Gottes, aber eben nur ein Geschöpf Gottes und nicht das Geschöpf Gottes. Ein möglichst liebevolles, nachdenkliches, tätiges Staubkorn, jedoch nicht der um mich selbst drehende, klugsch…nde, hyperaktive (Staub-)Stern, ohne den die Welt nicht funktionieren kann.

Ein möglicher Predigttext für den Neujahrstag stand im Buch der Sprüche, Kapitel 16, Verse 1-9. Ich empfehle die Lektüre. Ich empfehle vor allem den Satz:

Einen jeglichen dünken seine Wege rein, aber der Herr prüft die Geister.“ (Spr. 16,2)

Womöglich können wir der Prüfung der uns antreibenden Geister durch den Herrn eine kleine Runde eigener Relevanzfragen voranstellen:

Worin besteht mein Antrieb, so oder so zu sein, dies oder das zu tun oder zu lassen?

Geht es um die Sache oder geht es eigentlich um mich?

Geht es um den Nächsten oder geht es eigentlich wieder nur um mich?

Wo, wann und für wen bin ich wichtig oder nehme ich wieder nur mich selber wichtig?

Natürlich – es ist von allem was dabei. Die anderen und ich, ich und die Sache, der Zeitpunkt und ich. In uns allen steckt die Sehnsucht nach Wahrgenommenwerden und Relevanz.

Umso entspannender und entlastender empfinde ich diese rote Schrift: „Komm, lass uns irrelevant sein“. Wir sind in einem bestimmten Zusammenhang unerheblich und ohne Bedeutung. Und werden dennoch wahrgenommen.

So kann ich mich am Anfang des neuen Jahres in die Sprüche Salomos fallen lassen:

Befiehl dem Herrn deine Wege, so wird dein Vorhaben gelingen.

Des Menschen Herz erdenkt sich seinen Weg, aber der Herr allein lenkt seinen Schritt.“ (Spr. 16, 3+9)

Ja, ich bin relevant für Gott, wie jedes seiner Staubkörner. Das erlaubt mir – in manch bestimmten Zusammenhang – irrelevant zu sein. Zur Entlastung meiner Mitmenschen, zur Entlastung meiner selbst.

Ein gutes, behütetes und fröhliches neues Jahr wünscht die leicht angestaubte

Claudia Krenzlin

Kein Prophet, oder? – 29.Dezember 2021

Der Weihnachtsbaum, den ich immer erst am Heiligabend in unserem Wohnzimmer aufstelle und mit Muße und Musik schmücke, – ich höre dabei die ersten Kantaten des Weihnachtsoratoriums mit der Weihnachtsgeschichte nach Lukas – steht noch. Wenigstens bis zum 6. Januar, dem Epiphaniastag, an dem nach der Tradition auch die weitgereisten Weisen aus dem Matthäusevangelium das Jesuskind gefunden haben. Hier mischen sich auch dunkle Töne in das Licht der neuen Hoffnung: Da ist auch Herodes, der seine Machtinteressen gefährdet sieht und dabei keine Skrupel kennt, auch über Leichen zu gehen.

Mein Gott, denke ich in unserem weihnachtsfestlich geschmückten Zuhause, ändert sich das denn nie? Mir fallen die Leute ein, die Weihnachten deswegen als unerträgliche Inszenierung eines verlogenen Friedens ablehnen. Aber wird es dadurch erträglicher? Ich sehe Verbitterung in vielen Gesichtern. Was wird daraus? Resignation? Oder Zynismus? Oder sogar neue Gewalt? Was wird zu Silvester geschehen?

Der Weihnachtsbaum leuchtet noch. Da sind die Kerzen, die Strohsterne, die silbern glänzenden Kugeln. Der denkbar größte Kontrast zu diesen dunklen Gedanken. Unerträglich? Oder gerade das spannungsreiche Kontrastprogramm, aus dem neuer Mut gewonnen werden kann?

Was wird uns das kommende Jahr bringen?

Wird es das Jahr 2022 n.Chr.?

Oder das Jahr 3 n.Cor.?

Oder beides? Aber zu welchen Anteilen und mit welchen Auswirkungen?

Ich weiß es nicht. Ich bin ja kein Prophet!

 

Oder doch?? Jetzt muss ich an meinen alttestamentlichen Lehrer, Prof. Siegfried Wagner, denken. Er sagte seinen Studenten: Propheten sind keine Vorhersager, Propheten sind Hervorsager! Menschen, die aus ihrer Beziehung zu Gott etwas hervorbringen, das in dunklen Zeiten wegweisend werden kann. Zumindest kenne ich solche Propheten. Dietrich Bonhoeffer zum Beispiel, der die für mich tröstlichsten Worte zum Jahreswechsel geschrieben hat:


Von guten Mächten wunderbar geborgen,

erwarten wir getrost, was kommen mag.

Gott ist bei uns am Abend und am Morgen

und ganz gewiss an jedem neuen Tag.

 

Noch immer schaue ich in die Lichter des Weihnachtsbaums. Und jetzt weiß ich auch, was ich Ihnen und mir selbst für das kommende Jahr wünsche: Vornehmlich, dass wir prophetischer leben können!

Ihr Heinz Schneemann