AR und ER – 26.01.2022

Über dir geht auf der HERR, und seine Herrlichkeit erscheint über dir.

Mit diesem Spruch aus Jesaja 60,2 geht am kommenden letzten Sonntag nach Epiphanias die Weihnachtszeit zu Ende.

Das Wort fasziniert mich immer wieder. Vor meinen inneren Augen entsteht das Bild eines Sonnenaufgangs. Bisher herrschte die Dunkelheit. Ringsum gab es nichts als Grautöne. Die Welt schien nur aus verschiedenen Abstufungen von Schwarz und Weiß zu bestehen. Doch dann geschieht ein Wunder: Die Sonne lässt alles in leuchtenden Farben aufscheinen. Die Welt ist so viel reicher und schöner als es in der dunklen Zeit zu sein schien.

Für uns ist das ein alltäglicher Vorgang, den wir an jedem Morgen neu beobachten können. Wir wissen, dass hier optische Gesetze wirken. Und doch geschieht es in stillen Augenblicken immer wieder einmal, dass uns dieses Geschehen auf einer tieferen Ebene berührt und in einer Weise anspricht, die wir nur schwer in Worte fassen können. Dann kommt es uns wie ein Wunder vor.

Jesaja sieht aber noch etwas Größeres: Er spricht nicht von einem Sonnenaufgang, sondern vom Aufgehen Gottes und dem Erscheinen seiner Herrlichkeit. Das sind keine alltäglichen Gedanken mehr. Und doch liegt ein solcher Schluss nahe. Schon der Liederdichter und Pfarrer Philipp Spitta schrieb 1833 in dem Lied Freuet euch der schönen Erde: Findet sich schon in Gottes Schöpfung so ein wunderbarer Schein, o was muss an seinem Herzen erst für Glanz und Wonne sein (EG 510,5).

Es mag seltsam erscheinen, aber manche alte Vorstellung kann in unserer Zeit mit ihrer hochmodernen Technik auf eine neue Weise einleuchtend werden. Und zwar deshalb, weil sich heute die scheinbar engen Grenzen der sogenannten Realität verschieben. Wer ein neueres Smartphone besitzt, wird früher oder später einmal auf die AR stoßen. AR steht für augmented reality – die erweiterte Realität. Dabei werden dem Betrachter zusätzlich zu dem, was er über die Kamera in seiner Umgebung sehen kann, weitere Informationen eingeblendet, die ihm dazu noch wichtige Hinweise geben oder den Weg zeigen können.

Gibt es da einen Zusammenhang zwischen AR und dem Glauben? Wie schon gesagt, es mag seltsam erscheinen, aber beim Glauben geht es auch um eine Erweiterung unserer natürlichen Wahrnehmung. Um ein tieferes Sehen und Verstehen von wichtigen Zusammenhängen in unserem Leben. Um die Entdeckung von Sinn und Möglichkeiten, sowie um Freude und Hoffnung, die dem äußeren Blick verborgen bleiben. Der Grund dafür ist allerdings nicht AR, sondern ER. ER steht für Gott. Man könnte aber auch von enlighted reality sprechen – von erleuchteter Realität. Denn wenn ER über uns aufgeht und seine Herrlichkeit über uns erscheint, können wir unsere Lebenswirklichkeit mit den erleuchteten Augen des Herzens (Epheser 1,18) sehen.

Das wünsche ich Ihnen am Ende dieser Weihnachtszeit!

Ihr Heinz Schneemann

 

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