08.03.21 – Internationaler Frauentag

Zu Beginn meines Theologiestudiums nahm ich an einem Seminar teil, in dem wir mit katholischen Brüdern über unser zukünftiges Amt als PfarrerIn oder Priester diskutierten. Dabei entspann sich folgende Diskussion zwischen mir und einem jungen Priesteramtsanwärter.

„Also Charlotte, ich glaube, dass Gott jedem und jeder von uns eine Berufung geschenkt hat. So eine Berufung, die spürt man ganz tief in sich und die füllt alles aus, was einem wichtig ist. Stell dir vor, du müsstest dich entscheiden zwischen deinem angestrebten Amt als Pfarrerin und deinem Wunsch nach einer Familie! Wie würdest du dich entscheiden?“
Nach langem Nachdenken sagte ich: „Wahrscheinlich würde ich am Ende die Familie wählen…“
„Siehst du! Ist das nicht wunderbar? Gott hat dir diese Berufung geschenkt! Es ist ein großes Geschenk und Privileg, dass du als Frau Kinder haben kannst! Nur muss dir dann auch klar sein, dass das andere – also dein Amt als Pfarrerin keine wahre Berufung sein kann. Das ist den Männern vorbehalten, weil ihnen die Berufung, Kinder zu bekommen, verwehrt ist!“

Lange hing mir das Gespräch nach. Ich spürte doch ganz klar den Drang, diesem Beruf nachzugehen, der mir so viel bedeutete! Wieso wurde mir das einfach aberkannt?

Leider beherrscht die Vorstellung, dass Frauen nur für die Familie wirklich berufen sind, immer noch manche gesellschaftliche Diskussion. Besonders am Arbeitsplatz werden viele Frauen strukturell diskriminiert: sie verdienen weniger Geld als ihre männlichen Kollegen mit gleicher Eignung, werden durch Schwangerschaft und Elternzeit in ihrer Karriere um Jahre zurückgeworfen und müssen immer wieder unter Beweis stellen, dass sie trotz ihres Mutter- oder Frauseins auch wirklich für ihren Beruf geeignet sind.

Irgendwann fiel mir eine Ungereimtheit in der Argumentation des jungen Bruders auf: „Gott hat jedem und jeder eine Berufung geschenkt!“ Wieso nur EINE Berufung?
Wir Menschen neigen dazu, andere in Schubladen zu stecken. Es macht vieles einfacher, wenn wir uns nicht mit der Vielfalt des Einzelnen beschäftigen müssen. Ich glaube allerdings nicht, dass Gott denselben Fehler macht. Das Geschöpf „Mensch“ egal ob Mann, ob Frau, ist schillernder und bunter, als wir es uns zuweilen klar machen. Macht es unser Miteinander nicht viel spannender, dass wir wandelbar sind, vielfältige Berufungen verspüren können und in verschiedenen Kontexten unterschiedliche Seiten unseres Selbst zum Vorschein bringen?

Und so kann ich mit Goethes Faust seufzen „Zwei Seelen wohnen, ach!, in meiner Brust!“.
Ich muss mich nicht entscheiden zwischen meinen Berufungen, Begabungen und Interessen.
Gott hat mich in meiner Vielfalt geschaffen und dafür bin ich dankbar.

Charlotte von Ulmenstein

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