31.05.2021 – Fragen von Gewicht …

Erlebnisse auf einer Badezimmer-Waage

Die Versuchung ist immer da. Wenn ich zu Gast bin in fremden Bädern, dann lockt mich die Waage dort, denn zuhause habe ich keine. Als ich diese Woche in Reudnitz bei Freunden zu Besuch war, merkte ich erst, wie lange der Lockdown schon dauert: ich konnte mich nicht mehr erinnern, wann ich zuletzt auf einer Waage gestanden hatte.

Umso präsenter aber ist eine Verdammnis, die mein Leben das letzte Jahrzehnt über begleitet hat, die Jahre zwischen 40 und 50: Wenn ich meinen Lebensstil – und vor allem meine Essgewohnheiten – nicht grundlegend umstellte, dann würde ich mit 50 meinen Körper nicht mehr wiedererkennen. Das Teufelchen, das dereinst diesen Fluch in meinem Hinterkopf  verankerte, war sich seiner Wirkung wahrscheinlich nicht mal bewusst – schließlich waren es meine eigenen Sorgen um Selbst- und Körperbild, die den Satz solange in mir wach gehalten hatten. Gibt es einen einflussreicheren Influencer des persönlichen Gemütszustands als unser eigenes schlechtes Gewissen?

Alles muss anders werden, damit alles bleiben kann, wie es ist: für einen Imperativ der permanenten inneren Reformation halte ich uns Protestanten, vielleicht überhaupt uns Christen für besonders anfällig. Gut genug gibt’s bloß bei Gott, und da sind wir noch lange nicht.

Ich aber habe meine Essgewohnheiten nicht geändert, anders als mein schlechtes  Gewissens mir ein Jahrzehnt lang zu verordnen versuchte. Manchmal Schweinebraten, öfters Schokolade und auch die für ihren Fruchtzucker verdammten Obstsäfte – ich weigerte mich schlicht, den aktuellen Reisewarnungen der Diät-Propheten Folge zu leisten. Ich vertraute auf einen gesunden Mix aus Zutaten und Mahlzeiten und ansonsten auf ein bissl Zurückhaltung – aber reicht das schon?

Die Waage im Bad von Reudnitz war also eine eine durchaus beunruhigende Versuchung: wollte ich wirklich wissen, wie sich mein Gewicht über die letzten ein, zwei, zweieinhalb Jahre verändert hatte? Man konnte schließlich während des Lockdown mehr als genug lesen über die problematischen Auswirkungen der neuen Sesshaftigkeit des Menschen: von Home Office bis Home Holiday – das Leben, eine einzige Rumsitzerei.

Das Glück eines Protestanten besteht daraus, einer Versuchung zu widerstehen – das Glück eines Katholiken darin, ihr nachzugeben. Für heute beschloss ich, ein wenig katholisch zu sein: verstohlen zog ich die Waage meiner Gastgeber aus dem Spalt zwischen Dusche und Waschbecken.

Ich kann die Empfindung der Erleichterung, nein, des Glücks kaum beschreiben, als die Anzeige der Waage drei Kilo unter meinem Gewicht zu stehen kam, das ich schon vor zehn Jahren hatte. Für einen Moment war es, als habe mein Leben sich gelohnt. Ich darf den Weg meines Bauchs gehen, obwohl mein schlechtes Gewissen mir einen anderen vorgezeichnet hatte.

Von schlank kann bei mir weiter keine Rede sein, von riskantem Gewichtszuwachs aber eben auch nicht. Ich habe zu einer Figur gefunden, die mir entspricht.

Alles muss anders werden, damit alles gut bleiben kann? Die Waage von Reudnitz hat mich von einer Last befreit, die sich in Kilos nicht messen lässt: ein Leben im “Bloß nicht!” weicht der Aussicht auf’s “Schon ok.”

Patrick Schwarz

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