30.06.2021 – Alles zum Besten kehren

Sich Luft machen, Dampf ablassen – in erregten Situationen geschieht es schnell, dass wir die Grenzen der Fairness und der Mitmenschlichkeit überschreiten und andere beleidigen und verunglimpfen. Dazu steht uns ein großes Arsenal von Schimpfwörtern und Kraftausdrücken zur Verfügung. Was wir damit anrichten, kann unabsehbare Folgen haben.

Doch es geht auch andersherum! In angespannten Situationen denke ich manchmal an Luthers Erklärung zum 8. Gebot: Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten. Dazu schreibt er im Kleinen Katechismus:
Was ist das? Wir sollen Gott fürchten und lieben, daß wir unsern Nächsten nicht fälschlich belügen, verraten, afterreden oder bösen Leumund machen, sondern sollen ihn entschuldigen, Gutes von ihm reden und alles zum Besten kehren.

Wie wäre das, wenn wir im täglichen Miteinander mehr nach diesem Grundsatz reden und handeln würden? Alles zum Besten kehren! Welche Wirkung das haben kann, habe ich kürzlich an einer Anekdote gespürt, die Andrea Wöllenstein im Hessischen Rundunk erzählt hat. Sie hat mich so beeindruckt dass ich sie hier weitergeben möchte:

Von Thomas Edison, dem Erfinder der Glühbirnebirne, wird folgende Geschichte erzählt:

“Eines Tages kam er mit einem Brief von der Schule nach Hause und sagte zu seiner Mutter: “Mein Lehrer hat mir diesen Brief gegeben, ich solle ihn nur dir zu lesen geben.”

Die Mutter hatte die Augen voller Tränen, als sie dem Kind laut vorlas: “Ihr Sohn ist ein Genie. Diese Schule ist zu klein für ihn und hat keine Lehrer, die gut genug sind, ihn zu unterrichten. Bitte unterrichten Sie ihn selbst.”Viele Jahre nach dem Tod der Mutter, Edison war inzwischen einer der größten Erfinder des Jahrhunderts, durchsuchte er eines Tages alte Familiensachen. Plötzlich stieß er in einer Schreibtischschublade auf ein zusammengefaltetes Blatt Papier. Er nahm es und öffnete es. Auf dem Blatt stand geschrieben: “Ihr Sohn ist geistig behindert. Wir wollen ihn nicht mehr in unserer Schule haben.”Edison weinte stundenlang und dann schrieb er in sein Tagebuch: “Thomas Alva Edison war ein geistig behindertes Kind. Durch eine heldenhafte Mutter wurde er zum größten Genie des Jahrhunderts.”

Mich beeindruckt an dieser Geschichte nicht nur das große Vertrauen, das die Mutter in ihren Sohn hat. Sondern wie sie mit diesem Affront, mit dieser Kränkung umgegangen ist. Wir wissen, dass Edison aufgrund einer Kinderkrankheit nicht gut hören konnte. Dass die Lehrer ihn deshalb als geistig behindert angesehen haben, das hat ihr die Tränen in die Augen getrieben. Tränen der Empörung, des Zorns einer Mutter, die ihr Kind liebt und alles daran setzt, damit es nach besten Möglichkeiten gefördert wird.

Was sie mit ihrer Wut gemacht hat, das beeindruckt mich. Heute würden viele an ihrer Stelle einen Rechtsanwalt einschalten oder über die sozialen Medien eine Welle starten. Sie aber wendet die Kraft ihres Zorns in eine positive Richtung und tut alles, damit er auch ohne die Schule eine gute Ausbildung bekommt. Den Brief und das Urteil der Lehrer hat sie für sich behalten als ihr Geheimnis. Sie hat es ihrem Sohn auch später nicht erzählt, um ihm zu zeigen, wie viel er ihr zu danken hat.

Wir sollen unseren Nächsten lieben und alles zum Besten kehren“, lehrt Martin Luther in seinem kleinen Katechismus. Alles zum Besten kehren. Wenn andere mich verletzen, nicht in die Opferrolle gehen, nicht nur klagen über das Böse, das mir angetan wird. Sondern die Kraft, die in meiner Wut liegt – und Wut ist eine sehr kraftvolle Emotion –  diese Kraft in eine positive Richtung lenken. Zum Besten für die anderen und für mich selber. Wie die Mutter von Thomas Edison.

Aus <https://www.kirche-im-hr.de/sendungen/28-alles-zum-besten-kehren/>

Wenn Ihnen die Geschichte auch so gut wie mir gefällt, erzählen Sie sie doch weiter! Vielleicht geschieht dabei etwas…

Mit den besten Wünschen

Ihr Heinz Schneemann

 

One thought on “30.06.2021 – Alles zum Besten kehren

  1. Danke für den freundlichen Kommentar und den Hinweis mit der Glühlampe!
    Was unsere Mütter und Väter getan haben, ist inzwischen Geschichte und zeigt sich vor allem auch an uns und in uns.
    Für vieles können wir ihnen (hoffentlich) dankbar sein. Es gibt aber auch manches zwischen den Generationen, das schwer auf beiden Seiten lastet. Ich kenne einige, die deshalb mit ihren Eltern gebrochen haben, und weiß, wie schwer gerade ältere Menschen darunter leiden können.
    Auch und gerade in solchen Fällen könnte es wie eine Erlösung sein, wenn unser Handeln von dem Grundsatz Luthers bestimmt würde: ALLE DINGE ZUM BESTEN KEHREN. Kurzfristig müsste dabei wohl manche Kränkung und mancher verletzte Stolz überwunden werden. Aber langfristig würden alle Beteiligten dabei etwas Großes gewinnen: den inneren Frieden.

  2. Guten Morgen, diese Geschichte ist sehr gut und sie gefällt mir. ich kannte sie in eine andere Form, aber der Sinn war gleich. Aber wie so oft bergen Geschichten, die immer wieder weiter erzählt oft kleine Fehler und wenn diese Fehler oft erzählt werden, werden sie dann für viele zur Wahrheit. Wir erleben ja gerade diese Situation. Aber Edison war nicht der Erfinder der “Glühbirne”, besser Glühlampe, sondern ca. 25 Jahre ein Deutscher, der und das ist ähnlich wie Edison, Einstein usw. auch kein guter Schüler war, weil offensichtlich in der Schule unterfordert wurde. Aber das macht keinen Abbruch der Geschichte, wir können nur hoffen, dass es auch unsere Mütter und Väter so oder so ähnlich getan hätten.
    Vielen Dank für diese Worte.

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