30.04.2021 – So oder so

Meist scheue ich mich, Texte zu zitieren oder zu verwenden, die von Erfahrungen in der Zeit des Nationalsozialismus erzählen. Kann man, darf man diese Erlebnisse überhaupt mit unserer heutigen Zeit in Beziehung setzen, ohne sich dem Verdacht einer Relativierung der damaligen Gräueltaten auszusetzen?

Ich möchte es heute dennoch tun. Der folgende Textauszug Viktor E. Frankls, der die Konzentrationslager von Theresienstadt und Auschwitz überlebt hat, begleitet mich seit längerem in dieser, unserer Zeit, die so stark von der Coronapandemie geprägt ist:

Wer von denen, die das Konzentrationslager erlebt haben, wüsste nicht von jenen Menschengestalten zu erzählen, die da über die Appellplätze oder durch die Baracken des Lagers gewandelt sind, hier ein gutes Wort, dort den letzten Bissen Brot spendend? Und mögen es auch nur wenige gewesen sein – sie haben Beweiskraft dafür, dass man dem Menschen im Konzentrationslager alles nehmen kann, nur nicht: die letzte menschliche Freiheit, sich zu den gegebenen Verhältnissen so oder so einzustellen. Und es gab ein „so“ oder „so“!

Und jeder Tag und jede Stunde im Lager gab tausendfältige Gelegenheit, diese innere Entscheidung zu vollziehen, die eine Entscheidung des Menschen für oder gegen den Verfall an jene Mächte der Unterwelt darstellt, die dem Menschen sein Eigentliches zu rauben drohen – seine innere Freiheit – und die ihn dazu verführen, unter Verzicht auf Freiheit und Würde zum Spielball und Objekt der äußeren Bedingungen zu werden.

Innere Freiheit – wo ist meine innere Freiheit in diesen Tagen?
Ich muss nicht in das Lamentieren über schwer nachvollziehbare Entscheidungen und das vermeintliche Versagen der politisch Verantwortlichen einstimmen.
Ein Onlinetreffen ist ein Treffen, trotz aller Einschränkungen und Abstriche. Ich kann die Kolleginnen und Freunde hören, ihrem Mienenspiel folgen. Das ist mehr, als manchmal bei reellen Begegnungen möglich ist, weil dort die Maske das Gesicht bedecken muss.
Ich kann mich darin üben, beim Lärm aus der Nachbarwohnung an den Achtjährigen dort zu denken. Wie sehr ihm gerade wahrscheinlich der tägliche Schulbesuch, das Sportmachen im Verein, das Rumtoben mit seinen Freunden fehlen, Langeweile und Frustrationen sich Raum nehmen – das lässt meinen Ärger immens schrumpfen.
Mit den Augen lächeln – das ist zwar viel schwieriger als mit dem Mund, aber im Moment die einzige Möglichkeit, mit Menschen in der Straßenbahn oder im Supermarkt in Kontakt zu treten. Neue Herausforderungen sollte man annehmen!

Ich wünsche uns allen, dass uns immer wieder neu gewahr wird, dass wir Spielräume haben, seien sie auch vermeintlich klein. Und uns dann entscheiden – so oder so.

Ulrike Renker

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.