29.06.2021 – Das ist nur ein Spiel.

Ein Spiel. Eine Person A bestimmt für sich einen imaginären Raum. Das ist mein Ort. Eine zweite Person B möchte in diesen Raum und sucht die Tür. Sie tastet sich heran. Wo ist der Zugang? Wie komme ich rein, um Kontakt aufzunehmen? Mauern entstehen durch die abwehrende Haltung von A.

Die Körpersprache, die Mimik und Gestik zeigen an, hier ist kein Durchkommen für dich. B versucht mit freundlicher und werbender Zuwendung die Mauer zu öffnen. Wird es ihm gelingen? Wird A öffnen? Findet sich der Spalt, die Tür in der Mauer von A?

Wie aber wird A seinem Lebensort gestalten, wenn B kein Interesse hat, in seinen Lebensort zu kommen? Was ist, wenn A sich am Ort einsam fühlt. Wie wird A reagieren, wenn sich keiner für ihn interessiert? Werden die Mauern zu offenen Türen? Verliert A seine Identität, wenn sich B bei A breit macht und alles bestimmt, sodass A in den eigenen vier Wänden keine Luft zum Atmen hat?

Das Spiel wird Realität. Täglich sind wir mal die Person A und dann wieder B. Ich erlebe es in meinem Alltag, in der Kommunikation mit Menschen im Stadtteil, zwischen den Kirchgemeinden, in Familie und mit Freunden.

Dann sitze ich im Büro, verwalte Kirche. Ein dicker Briefumschlag vom Einwohnermeldeamt liegt auf dem Schreibtisch. Unterschriebene Formulare von Menschen, die aus der Kirche ausgetreten sind, finde ich darin. Im Zeitraum von Januar bis Mai treten 40 Personen aus. Fast alle sind zwischen 25 und 35 Jahre alt. Sind sie B und haben den Zugang nicht finden wollen oder nicht finden können? Ist Kirchgemeinde A und macht dicht oder haben wir keine Relevanz im Leben der vielen B’s?

Wer bin ich? Wer seid ihr Ausgetretenen?

Bei allem Engagement für eine offene Kirche gehe ich zerknirscht zum ersten Treffen der neuen Teamer, mit denen ich den nächsten Konfirmandenkurs gestalten werde. Fünfzig Jugendliche haben sich zum Kurs angemeldet und jetzt planen wir mit den Teamern. Wir haben eine erste Runde und die 14jährigen erzählen, weshalb sie sich für das Ehrenamt als Teamer entschieden haben.

Zitat einer zukünftigen Teamerin: „Mit der Konfirmation ist für mich Kirche gefühlt vorbei. Das ist zu wenig. Weil ich eine Aufgabe bekomme und Verantwortung übernehmen kann, bekommt Kirche einen Sinn. A und B gemeinsam in einem Raum. Teamer und Verantwortliche in einem Raum. Jetzt heißt es gemeinsam gestalten.

Der Raum von A fragt nicht nach Mitgliedschaft. Person A sieht dich als eigenständigen Menschen. A interessiert sich für dich, damit ein gemeinsames, tolerantes und menschenwürdiges Leben gelingt.

Wer bin ich? Wer sind Sie?

M. Staemmler-Michael

 

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