29.05.21 – Alles Trinitatis oder was?

Wenn heute 18 Uhr die Glocken den Sonntag einläuten, dann ist die Zeit der drei großen Feste des Kirchenjahres vorüber: Weihnachten, Ostern und Pfingsten liegen hinter uns. Der morgige Sonntag, dem in diesem Jahr noch 21 weitere mit gleichem Namen folgen werden, heißt Trinitatis. Im Kalender für das Kirchenjahr steht dafür als deutsche Bezeichnung Tag der Heiligen Dreifaltigkeit.

Ist Trinitatis nur ein zusammenfassender Abschluss? Mit dieser Dreiheit haben wir es ja im christlichen Glauben immer wieder zu tun. Denken wir nur an die drei Artikel unseres Glaubensbekenntnisses, an die bekannten trinitarischen Segensformeln oder vor allem auch an die Taufe im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes. Ist Dreifaltigkeit oder auch Dreieinigkeit nur eine Art summarischer Oberbegriff für Vater, Sohn und Heiliger Geist oder steht mehr dahinter?

Vielleicht denken Sie, liebe Leserin und lieber Leser, jetzt: Haben wir heute keine anderen Probleme?

Die haben wir in der Tat! Und doch war und ist die scheinbar ebenso schwierige wie weltfremde Frage nach der Trinität Gottes von grundlegender Bedeutung für das Verständnis und für die Praxis des christlichen Glaubens.

Als sich das junge Christentum in der vom hellenistischen Denken geprägten Welt des römischen Reiches ausbreitete und im vierten Jahrhundert von einer verfolgten Glaubensgemeinschaft zur Staatsreligion avancierte, wurde die Frage nach dem Wesen der Trinität zur entscheidenden Glaubensfrage, über die mit großer Leidenschaft gestritten wurde. Kaiser Konstantin der Große berief dazu 325 das erste ökumenische Konzil nach Nicäa ein. Dort wurde das Bekenntnis von Nicäa formuliert. Doch der Streit, der inzwischen auch von Machtfragen mitbestimmt wurde, ging weiter, bis 381 unter Kaiser Theodosius dem Großen in Konstantinopel das zweite ökumenische Konzil stattfand. Dort wurde das Nicänum im wesentlichen bestätigt und damit eine entscheidende Weiche für die weitere Entwicklung der kirchlichen Glaubenslehre gestellt.

Wir finden das Glaubensbekenntnis von Nicäa-Konstantinopel heute im Evangelischen Gesangbuch unter Nr. 805 und verwenden es manchmal an hohen kirchlichen Feiertagen im Gottesdienst. Seine ehemals umstrittenen Kernaussagen liegen in der Betonung der Wesenseinheit von Gott, dem Vater, und Gott, dem Sohn, und dem Heiligen Geist, der aus dem Vater und dem Sohn hervorgeht. Die letzte Aussage – das später hinzugefügte filioque – wird allerdings von den orthodoxen Kirchen nicht mitgetragen trägt bis heute zu der großen Spaltung zwischen Ost- und Westkirchen bei.

Wir leben eintausendsiebenhundert Jahre später. Ist die Trinitätslehre für uns heute mehr als ein historisches Relikt? Ist sie vielleicht sogar ein historischer Ballast, den wir abwerfen sollten, um befreiter glauben zu können?

Wer die Bedeutung der Zusammenhänge nicht mehr versteht und sich damit schwertut, wird leicht zu dieser Auffassung gelangen. Sollen wir etwa aus bloßer Traditionsverbundenheit ehrfürchtig wiederkäuen, was uns längst nicht mehr verdaulich zu sein und jeden Nährwert verloren zu haben scheint?

Diese Frage provoziert und ist brisant: Einerseits wollen wir ja – auch was unseren Glauben anbetrifft – auf der Höhe unserer Zeit sein. Aber andererseits möchten wir auch keinen neuen Streit über Grundfragen des Glaubens vom Zaun brechen.

Wie also weiter mit dem Glauben an die Heilige Dreifaltigkeit, mit dem wir uns zusätzlich noch den Vorwurf einhandeln, es mit dem Monotheismus wohl doch nicht so ganz ernst zu meinen, was auch die Gespräche mit dem Judentum und dem Islam berührt?

Im vierten Jahrhundert hat die Besinnung darüber 56 Jahre gedauert. Nehmen wir uns doch heute wenigstens einen Tag dafür und stellen uns dieser Frage – im persönlichen Nachdenken und vielleicht auch im Gespräch miteinander.

Am morgigen Dreifaltigkeitssonntag können Sie dazu auf www.evangelium.art.blog Weiteres lesen.

Ein gesegnetes Wochenende wünscht Ihnen
Ihr Heinz Schneemann

One thought on “29.05.21 – Alles Trinitatis oder was?

  1. Dankbar nehme ich die Erläuterung der Trinitatis an. Wie oft hört man doch die Worte am soundsovielten Sonntag nach Trinitatis… Trinitatis und seine Geschichte und Bedeutung waren mir persönlich niemals so bewußt. Hier zeigt sich auch die Funktion eines Pfarrers als Erklärenden. Auf http://www.evangelium.art.blog wird dieses Wissen weiter vertieft.

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