29.03.21 – Nachts in Bethanien

Es ist Montagmorgen, auf der Straße, die nach Jerusalem hineinführt, liegen welk und zertrampelt noch die Palmenzweige, auch ein staubiger Mantel erinnert noch an die Ereignisse des Vortags. Der Jubel und die Hosianna-Rufe sind verhallt, die letzte Woche im Leben Jesu hat begonnen. Die Vertreibung der Geldwechsler und Händler aus dem Tempel ist der erste von vielen Konflikten dieser Woche. Die unbequeme Botschaft des Mannes aus Nazareth erregt Widerstand, Pläne, ihn zu verhaften und zu beseitigen, werden geschmiedet. Alles scheint nun mit Macht zuzulaufen auf Golgatha.

Es ist Karwoche – das althochdeutsche Wort „kara“ bedeutet soviel wie Trauer, Kummer oder Klage. Angenommen wird auch eine sprachliche Verwandtschaft mit den Worten „krank“ und „karg“. Dort kann ich mich gut anschließen, in einer Zeit, in der uns eine Krankheit vorführt, wie karg das Leben sein kann, wenn wir nicht zusammenkommen und den Menschen, die uns lieb und teuer sind, nicht begegnen können. Es tut mir gut zu erkennen, dass Kummer und Schmerz Gott nicht fremd sind, sondern in der Bibel und im Kirchenjahr in diesen Tagen ihren Platz finden.

Im Markusevangelium (Kapitel 11) kann man lesen, dass Jesus die ersten Nächte der Karwoche nicht in Jerusalem, sondern in dem nahegelegenen Dorf Bethanien verbrachte, von dem die Schleußiger Kirche ihren Namen hat. Es dürften bange Nächte gewesen sein, die Jesus und die Jünger in dieser schweren Zeit dort verbracht haben, auf der Suche nach Ruhe und Trost.

Auch dafür wollen unsere Kirchen einen Ort bieten: Um in bedrängender Zeit einen Ort der Ruhe zu finden, an denen man dem Gott begegnen kann, dem Leid und Schmerz nicht fremd, sondern ganz nah sind. Deshalb halten wir sie offen, auch wenn keine Gottesdienste stattfinden können.

Herzliche Grüße
Ihr Konstantin Enge

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