29.01.21 – Amen! Echt jetzt?

Kennen Sie den? Wird ein Kind im Religionsunterricht gefragt:
Zu wem hat Jesus am Kreuz gesagt, dass er mit ihm noch am gleichen Tag bei Gott sein wird?
Die Antwort kommt sofort: Zu dem, der Wahrlich hieß.
Wieso das?
Na, er hat doch gesagt: Wahrlich, ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradies sein.  (Lukas 23,43)

Warum erzähle ich Ihnen diesen Witz, liebe Leserin, lieber Leser?
Zum einem hoffe ich natürlich, dass Sie jetzt lächeln!
Haben Sie meine Hoffnung erfüllt? Sie können es mir unten im Kommentarfenster ruhig  sagen…

Zum anderen aber geht es mir um dieses Wahrlich, das hier zu so einem drolligen Missverständnis geführt hat.
Im griechischen Original steht an seiner Stelle das Wort Amen.
Das wiederum geht auf das hebräische אָמֵן (āmén) zurück und heißt so viel wie fest / zuverlässig sein. Davon abgeleitet ist auch das Wort für Glaube, Zuversicht, Treue und Verlässlichkeit in der hebräischen Bibel, die wir das Alte Testament (besser: das Erste Testament) nennen.

Doch zurück in unsere Gegenwart: Wie sicher ist das Amen in der Kirche und was bedeutet es für uns? Darüber möchte ich gern mit Ihnen sprechen. Es gibt da nämlich verschiedene Ebenen des Verstehens:

Ziemlich sicher können wir davon ausgehen, dass das Wort Amen wohl in jedem Gottesdienst vorkommt. Es ist ja das – oft gemeinsam gesprochene – Schlusswort aller Gebete, bei den Christen, wie auch bei den Juden und den Muslimen.

Seinem Inhalt nach ist Amen ein Bekräftigungswort, mit dem wir unsere innere Gewissheit, die wir auch Glauben nennen, zum Ausdruck bringen.
Gott helfe mir, Amen! Das ist ein starkes und ein stärkendes Wort. Wie wir schon gestern hier gelesen haben, hat es Luther am 18.04.1521 in Worms gebraucht, als er allein vor Kaiser und Reich Rede und Antwort stehen musste.

Weniger erbaulich finde ich das dritte Verständnis, das eigentlich gar nichts mit dem Wort zu tun hat. Trotzdem kann es bei einer oberflächlichen Betrachtung als Hauptbedeutung von Amen erscheinen, nämlich: Jetzt ist Schluss. Jetzt kommt nichts mehr.    Ich muss gestehen, dass ich deshalb manchmal zögere, am Ende einer Predigt Amen zu sagen. Können denn meine Worte der Weisheit letzter Schluss sein? Basta? Ende der Durchsage?
Sollten sie nicht eine Anregung sein für die weitere Besinnung und das gemeinsame Gespräch? Deshalb würde ich viel lieber sagen…

Was meinen Sie?
Wie fest und sicher kann das Amen in der Kirche heute sein?
Welche Rolle spielen dabei die Glaubens-Lehre und die Glaubens-Erfahrung?
Wie verhält sich beides zueinander und was folgt daraus?
Darüber sollten wir wahrlich einmal ins Gespräch kommen,
gleich hier in diesem Gesprächsforum,
echt jetzt!

Herzlichst,
Ihr Heinz Schneemann

One thought on “29.01.21 – Amen! Echt jetzt?

  1. Ich musste wirklich schmunzeln, den Wahrlich kannte ich tatsächlich noch nicht! Ich stimme zu, dass das Amen häufig einen etwas repressiven Charakter hat. Früher habe ich gelernt, dass „Amen“ einfach „so sei es“ bedeuten würde.
    Wenn das Amen gefallen ist, wie viel Raum bleibt dann noch zum Weiterdenken, zum Hinterfragen, für Widerspruch und Diskurs? Mir scheint, dass gerade heute die Kirche sich als ein Ort der Begegnung und des Zusammen-Kommens unterschiedlichster Menschen aus allen Teilen unserer Gesellschaft begreifen sollte. Wir erleben doch, dass unsere Öffentlichkeit allenthalben in Filterblasen und Echokammern zerfällt, verstärkt durch so genannte soziale Medien. In unserer private Community bestätigen wir uns gegenseitig und dabei blenden wir andere Ansichten und Blickwinkel aus oder schauen auf sie verächtlich herab. Zwischen den Menschen entstehen Parallelwelten, die wie das Universum, das uns doch alle trägt, täglich anwachsen. Die Kirche sollte dies als Aufgabe und Chance begreifen. Wir können wieder an gesellschaftlicher Bedeutung, an Legitimität und an Systemrelevanz gewinnen, wenn wir uns auch ganz wesentlich als Ort der Begegnung und des Diskurses begreifen und als eine offene Communitas dazu beitragen würden, die Gesellschaft wieder zusammenzubringen. Auf ein abschließendes Amen kann man dann auch gerne mal verzichten.

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