28.09.2021 – Krisen, Werte und Visionen

Die mit großer Spannung erwartete Wahl zum 20. Deutschen Bundestag ist gelaufen. Es scheint nicht übertrieben, wenn gesagt wird, dass damit ein neues Kapitel der deutschen Geschichte beginnt. Das hängt vor allem mit dem Ende der 16-jährigen Regierungszeit von Angela Merkel zusammen, die von den einen als weltweit anerkannte Krisenmanagerin gelobt und von anderen als inhaltslose Verhinderin neuer Visionen kritisiert wird. In diesen Urteilen stoßen zwei Positionen aufeinander, die diametral entgegengesetzt zu sein scheinen. Es gehört zu den guten Gepflogenheiten der Kirche, sich nicht direkt parteipolitisch zu positionieren, sondern auf das Verantwortungsvermögen und die Urteilskraft der Menschen zu setzen und in die damit verbundenen öffentlichen Diskurse den Erkenntnisgewinn des christlichen Glaubens einzubringen. In diesem Sinne scheint mir die Frage wichtig, ob die Konzentration auf aktuelle Probleme und Krisen einerseits und die Verfolgung von größeren Zielen und Visionen andererseits wirklich solche Gegensätze sind, wie es hier offensichtlich den Anschein hat. Wenn es um die (immer) begrenzte Kraft einer (jeder) einzelnen Person geht, leuchtet es wohl ein, dass sich diese in der großen Fülle täglicher Aufgaben nicht allem gleichzeitig mit gleicher Intensität zuwenden kann. Sachlich betrachtet gibt es aber eine wichtige Verbindung zwischen dem Umgang mit Krisen und Visionen: die Werte. Wie Probleme bewältigt und welche Ziele angestrebt werden, hängt vor allem von den zentralen Werten ab, die jedem bewussten Handeln zugrundeliegen. Es sind die leitenden Werte, die über die Wahl der Mittel und Wege entscheiden. Deshalb müssen wir, wenn wir das Verbindende suchen, über unsere Werte sprechen. Das ist im Großen der Politik wie auch im Kleinen der Familie wichtig.  Apropos Familie: Wir werden ja höchstwahrscheinlich eine Regierungskoalition aus drei Parteien bekommen. Vielleicht kann das Modell der Familie auch dafür hilfreich sein: Man muss sich zusammenraufen und darauf achten, dass keiner unter die Räder kommt, weil sonst alle darunter leiden. Da klingt es doch ganz hoffnungsvoll, wenn die beiden „Halbstarken“, wie sie im ZDF genannt wurden, mit ihren gegensätzlichen Positionen schon einmal das Gespräch suchen. Und wenn die Dominanz einer einzelnen elternähnlichen Zentralperson ein Korrektiv findet,  das in einem gemeinsamen Aushandeln von Kompromissen auf der Basis gemeinsamer Werte besteht, für die sich alle miteinander verantwortlich wissen, dann werden wir vielleicht doch noch erwachsen.

Dazu helfe uns Gott, ja und Amen!

Heinz Schneemann

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.