28.01.21 – Das Wormser Edikt

Jakob sprach: „HERR, ich bin zu gering aller Barmherzigkeit und aller Treue, die du an
deinem Knechte getan hast.“  1. Mose 32,11

Heute vor genau 500 Jahren unterzeichnete Kaiser Karl V. das sogenannte „Wormser
Edikt“. Mit diesem Edikt wurden Martin Luthers Schriften verboten und er selbst
sollte von jedem, der seiner habhaft werden konnte, an Rom ausgeliefert werden.
Diese „Reichsacht“ war gemeinsam mit der Päpstlichen Bannbulle die schlimmste
Strafe, die über einen Menschen im Mittelalter verhängt werden konnte. Durch die
Reichsacht war Luther praktisch vogelfrei und durch die Bannbulle, die nur wenige
Wochen vorher über ihm ausgesprochen worden war, konnte er nach der damaligen
kirchlichen Lehre nicht darauf hoffen, nach seinem Tod in Gottes Himmelreich
aufgenommen zu werden.

Luther hat aus einem ganz bestimmten Grund heraus das Risiko eines solchen Urteils
auf sich genommen. Alles begann mit einer Erkenntnis, wie auch Jakob sie schon im
1.Mose-Buch formuliert hat: „HERR, ich bin zu gering aller Barmherzigkeit und aller
Treue, die du an deinem Knechte getan hast.“  Tief in Luthers Glauben ist es
eingebrannt: Nichts, was ich tue oder lasse, kann an den Willen Gottes heranreichen.
Die Gesetze und Gebote Gottes verlangen zu viel. Der Mensch ist nicht fähig Gottes
Gnade zu verdienen. Jeder Kampf ist zum Scheitern verurteilt.

Doch indem Luther immer wieder im Neuen Testament liest, reift in ihm ein weiterer
Gedanke: Gottes Gnade, seine unendliche Liebe zu uns Menschen, können wir nur
begreifen, wenn wir verzweifelt sind und an unsere menschlichen Grenzen stoßen.
Dann nämlich können wir uns nicht mehr auf unser großes Können und Wissen
verlassen. In unserem Scheitern liegt die Chance zu Gott zurückzukehren, der unser
Können und Wissen übersteigt. Er nimmt uns an, wie wir sind.
Was für ein Trost! Gottes Liebe ist am größten, wenn wir am kleinsten sind.

Dieses tiefe Vertrauen auf Gottes Liebe hat die Welt ins Wanken gebracht.
Luther widersprach mit dieser Entdeckung der Kirche und dem Staat und setzte sich so einer
großen Gefahr aus. Das alles tat er aber im Vertrauen auf Gott und seine Macht, die
über Bannbullen und Reichsachten hinausgeht.

Wie Luther können auch wir den Bedrängnissen unseres Lebens begegnen. In
unserem Scheitern liegt die Chance Gott näher zu kommen. Seine Barmherzigkeit und
Treue macht sich nicht daran fest, ob wir uns als „gering“ bezeichnen. Wir können
getrost unser Leben bestreiten und mit Luther angesichts der Steine auf unserem
Weg antworten: „Gott helfe mir! Amen“

Charlotte von Ulmenstein

One thought on “28.01.21 – Das Wormser Edikt

  1. Lieber Elias Wöllner, ich musste sehr schmunzeln, als ich Ihren Kommentar las. Den letzten Satz würde ich ganz dick (!!!) unterstreichen. Gott hat uns ja nun gerade auch mal ein ziemlich perfektes Hirn gegeben, das wir gut nutzen sollten. Wobei für mich “gut nutzen” eben auch wieder direkt im Zusammenhang steht mit der täglichen Herausforderung, gut zu handeln, zu reden, zu denken. Bei aller Mühe, die ich mir dabei gebe, merke ich doch auch meine Begrenzung. dann ist es wiederum gut, dass ich Gott vertrauen kann, der manches, was ich so “angerichtet” habe, wieder gerade biegt. Manchmal nicht gleich … aber irgendwie dann doch (und oft, in dem ich mich meines Verstandes – und meiner “gesammelten Lebensweisheiten” bediene :-)).
    Herzliche Grüße und fröhiches Gottvertrauen !

  2. Luther hat durch sein tiefes Vertrauen in die Gnade Gottes und seinen gelassenen Blick auf seine eigene menschliche Fehlbarkeit eine Freiheit und Kühnheit erlangt, die ihm die Kraft gab, die Kirche zu erneuern. Aber ganz allein auf den göttlichen Beistand hat er sich dabei auch nicht verlassen wollen. Sein realistischer Blick auf die politischen und gesellschaftlichen Umstände seiner Zeit haben ihm erst den Erfolg ermöglicht. So hat er etwa mit Kurfürst Friedrich dem Weisen einen mächtigen Fürsprecher und Protektor hinter seinem Rücken gewusst, der ihn nach dem Religions-Krisengipfel beim Reichstag in Worms eigens hat „entführen“ lassen, um ihn auf der Thüringer Wartburg in Sicherheit bringen zu lassen. Will sagen: Gottvertrauen ist gut, im Einklang mit Lebensweisheit und praktischer Vernunft noch besser!

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