26.07.2021 – Durch-Denken

Vom Glück des Müßiggangs, des Nichtstuns, der Muße, der Langsamkeit habe ich wenig bis keine Ahnung. Selbst Corona war kein Stoppschild. Ich konnte mein gewohntes Arbeitsleben fortführen, Kontakte wurden anders, aber genauso vielfältig und aktiv gepflegt, an Hausarbeit und Hunderunden änderte sich nichts. Wobei der Hund vielleicht mein einziges Tor zur Langsamkeit ist. Da er – von mir ebenso liebevoll wie inkonsequent „erzogen“ – der Meinung ist, man könne als zwölfjähriger Hund durchaus völlig autonom festlegen, ob man einen 400 m langen Weg in zwei Minuten oder einer Stunde zurücklegt, komme auch ich ins Trödeln. Es ist oft mehr „Spazierenstehen“ als Spazierengehen, was wir veranstalten und für mein Bonus-Krankenkassenprogramm, was mir für 1000 Schritte einen Euro sponsort, nicht wirklich erfolgsvorsprechend, aber ich „fahre runter“. Ich kann meinen Gedanken nachhängen, einer Amsel beim Pfützenbad zusehen, den Duft von Sommer einatmen.

Meine Freundin, die sich mit mehreren Monaten Kurzarbeit Null arrangieren musste, erzählte mir, dass sie in dieser Zeit zwar ihre ganze Wohnung gemalert hat, aber auch lernte, einfach nichts zu tun als nur in aller Stille zu sitzen und den Gedanken freien Lauf zu lassen. Und dass sie überrascht war, WAS ihr für Gedanken kamen, mit denen sie in Ruhe so viel Zeit verbringen konnte, bis sie das Gefühl hatte, diese sozusagen GANZ durchdacht zu haben.

Das hat mich sehr beeindruckt. Zum einen, weil ich weit davon entfernt bin, so – nützlich (?) – mit meiner Lebenszeit umzugehen. Zum anderen weil sich ja in unserer Gesellschaft genau das eigentlich nicht beobachten lässt. Es gibt eilige „News“- Meldungen, hitzige Diskussionen, (zum Glück noch meist verbalen) Schlagabtausch, festgefahrene Meinungen und überquellende Schubladen voller Vorurteile, entweder man be- oder man entschuldigt in Stereotypen sich wiederholende oder ähnliche Vorgänge. Man steht links oder rechts, ist für oder gegen. Natürlich gibt es Versuche, dem anderen zuzuhören und ihn vielleicht sogar zu verstehen. Aber die reichen meist nicht weit. Wir müssen ja unsere Überzeugungen mitteilen und wenn möglich, durchsetzen.

Aber haben wir diese auch mal zu Ende gedacht? Wer von uns nimmt sich die Zeit, einfach nur in der Stille zu sitzen und mit den eigenen Gedanken so viel Zeit zu verbringen, dass man das Gefühl hat, etwas wirklich durchdacht zu haben? In einer Predigt hörte ich neulich. „Man muss Gott auch die Zeit geben, in uns zu wirken.“

Pippi Langstrumpf drückte das so aus: „Und dann braucht man ja auch noch Zeit, einfach nur dazusitzen und vor sich hinzuschauen“.

Sie können mich jetzt auslachen. Aber seitdem versuche ich, genau das zu trainieren, so wie man einen erschlafften Bizeps trainiert – mit einer täglichen Übung, für die sich der Sommer bestens anbietet. Eine halbe Stunde früher aufstehen (und das ist ziemlich früh) und mich mit einer Tasse Kaffee auf den Balkon setzen. Nichts tun außer sitzen und denken oder auch nicht denken. Gott wird sich vermutlich nicht auf diese halbe Stunde zum „In-mir-wirken“ festlegen lassen, aber ich habe ein gutes Gefühl, sozusagen „ein Angebot“ zu machen :-).

Claudia Krenzlin

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