26.05.2021 – Sich überraschen lassen

Eigentlich hatten wir schon vor über einem halben Jahr diesen Urlaub geplant. Frühsommer, die schönste Zeit für den Süden. Nicht zu heiß, nicht alles verdorrt und vertrocknet. Aber immerhin spät genug, dass Corona kein Thema mehr sein sollte. Jedenfalls keins, dass uns am Reisen hindert. So haben wir gedacht. Ganz schön naiv.
Nun näherte sich die Zeit und es war lange überhaupt nichts klar. Weder ob, noch unter welchen Bedingungen, noch wohin am Ende überhaupt. Und dabei sind wir doch eher die Typen Menschen, die sich schon Monate zuvor alle Reiseführer aus der Bibliothek holen und die Umgebung des Urlaubsortes kennen, bevor sie überhaupt gestartet sind. Wir wollen planen, buchen, uns belesen, uns lange vorfreuen. Wir wollen nicht 5 Tage vorm Urlaubsbeginn immernoch nicht wissen, wohin. Aber genau das haben wir lernen müssen. Dieses ganze vergangene Jahr lang. Dass Pläne nichts mehr gelten. Dass nichts Bestand hat. Dass man viel wollen, aber mit nichts rechnen kann. Und dass diese Ungewissheit ungeahnte Freiheiten eröffnet. Uns Flexibilität lehrt. Und Überraschungen bereithält. Dass man lernt, die Dinge zu nehmen, wie sie sind, auch kurzfristig und spontan. Und das Beste daraus macht. Und dass es schön werden kann, ganz ohne Vorbereitung, Pläne und Reiseführer. Dass man sich treiben lassen kann durchs Leben und dabei erstaunliche Erlebnisse machen, die man so nie hätte planen können.
Wir haben ernsthaft überlegt, den Urlaub zu verschieben – wenn wir nicht können, wie wir wollen, und nicht beeinflussen können, ob wir können, wie wir wollen, dann lieber gar nicht. Dann doch lieber weiter arbeiten gehen und die Freizeit in eine Zeit hinüberretten, die wir dann ganz sicher völlig in der Hand haben. Wie kurz gedacht – als würde Erholung und gemeinsame Zeit nur dann gut und wertvoll sein, wenn sie lange im Vorfeld zurechtgelegt und in die richtigen Bahnen gelenkt worden ist. Als würde sie nicht gut werden können, nur weil mir das Gelingen ein Stück weit aus der Hand genommen ist. Ich finde schade, dass ich so wenig bereit bin, mich überraschen zu lassen. Dass ich alles im Griff haben möchte und nur dann glaube, dass es gut werden kann. Ich will mich mehr darauf einlassen können, dass ich das Leben so nehme, wie es sich mir zeigt. Auch wenn ich dabei lernen muss, dass eben nicht immer alles nach meinem Kopf geht. Insofern habe ich für mich meine Herausforderung gefunden für diesen fast-nach-corona-Sommer: mich überraschen lassen und dabei mit vollen Händen schöpfen, was Gott mir schenkt.

Johanna Stein

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