26.02.21 – Brauchen wir den…

… Teufel überhaupt? So schrieb mir vor ein paar Tagen ein Schulfreund in einer Email, nachdem er meinen Beitrag vom letzten Wochenende gelesen hatte.
Was für eine Frage! Wir brauchen vieles nicht und den Teufel schon gar nicht!

Aber so war die Frage natürlich nicht gemeint. Sondern so: Der Teufel hat früher im Leben der Menschen eine wichtige Rolle gespielt. Er war eine Erklärung für den Ursprung des Bösen, und er hat den Menschen Angst vor der Macht des Bösen und den damit verbundenen (Höllen-) Strafen gemacht.
Auf beides werden wir doch heute liebend gern verzichten wollen!

So weit, so gut. Aber wie halten wir es dann mit dem Bösen? Das lässt sich ja leider nicht so einfach weg-reden…
Mein Schulfreund schrieb mir, “dass wir den Teufel als Instanz benutzen, um unsere eigenen Schwächen und Fehler zu verdrängen und nach außen abzuwälzen . . . Wir sollten unsere eigenen Handlungen schon selbst überdenken und dafür selbst die Verantwortung übernehmen und sie nicht auf äußere Einflüsse abschieben.”

Grundsätzlich sehe ich es auch so. Das klingt sehr vernünftig und verantwortungsbewusst. Wenn alle Menschen immer so denken und handeln würden, dann…
Ach wäre das schön!
Aber so ist es eben leider nicht. Ein kurzer Blick über den Brillenrand und – seien wir bitte ganz ehrlich! – auch ins eigene Innere genügt, um festzustellen, dass sich um uns und in uns immer wieder starke Kräfte zusammenballen und Prozesse auslösen, die wir bei Lichte besehen ganz und gar nicht gut und vernünftig finden.

Und wer trägt dafür die Verantwortung?
Auch Bertolt Brecht hat sich in seiner Dreigroschenoper mit dieser Frage beschäftigt und darauf seine berühmten Verse gedichtet:

Ein guter Mensch sein? Ja, wer wär’s nicht gern?
Doch leider sind auf diesem Sterne eben
die Mittel kärglich und die Menschen roh.
Wer möchte nicht in Fried’n und Eintracht leben?
Doch die Verhältnisse, sie sind nicht so!

Für die DDR-Ideologen war das natürlich eine Steilvorlage: Die Verhältnisse sind das Entscheidende – und deshalb mussten unsere Menschen mit aller Kraft für den Aufbau des Kommunismus arbeiten und kämpfen!

Das ist inzwischen Geschichte, und die Frage nach dem so schwer zu beherrschenden Bösen ist wieder offen. Offensichtlich ist es doch komplizierter. Offensichtlich spielt da sehr vieles zusammen. Offensichtlich entstehen immer wieder neue Theorien, die dieses komplexe Zusammenspiel analysieren und dabei auch wichtige Teilwahrheiten ans Tageslicht fördern. Und offensichtlich lässt sich das Böse damit bis heute nicht aus der Welt schaffen.

Warum?
Weil wir selbst abgrundtief in dieses Zusammenspiel verstrickt sind.
Und weil jeder Versuch, sich da herauszuwinden, – letztendlich – auch ein Versuch ist, Gott gleich zu werden.
Genau das ist der entscheidende Gedanke und das  Bestreben dessen, der oder die in 1Mose3,5 die Schlange genannt wird.

Ja, das sind mythologische Bilder und Vorstellungen. Sie stehen für etwas, das wir nicht anders fassen können, weil wir es nicht objektiv und von außen betrachten können,  sondern selbst von ihm durchdrungen werden. Das Böse nistet sich in uns Menschen ein und nimmt damit immer wieder personale Gestalt an.
Dafür steht die Rede vom Teufel. Es erscheint mir notwendig und gut, das auch klar zu sehen und zu benennen. Denn damit beginnt der Weg des Widerstands, auf dem wir widerstandsfähig gegenüber dem Bösen werden können. Es ist jedoch ein Widerstand der besonderen Art. Er äußert sich nicht in menschlichen Kraftakten, sondern in einem Eingeständnis und in der Bitte:

…vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen…

Ist das Vaterunser-Gebet, aus dem diese Worte stammen, vielleicht so etwas wie ein Impfstoff, der uns vor der Ansteckung durch das Böse schützt?

Ein gesegnetes Wochenende wünscht Ihnen

Ihr Heinz Schneemann

One thought on “26.02.21 – Brauchen wir den…

  1. Vielen Dank für die Antwort!
    Sie ist vielschichtig, und ich möchte jetzt nur auf einen Aspekt eingehen, der mir am wichtigsten erscheint und im Kern (wenn auch nicht des berühmten Pudels) noch einmal die ganze Problematik mit ihren inneren Gegensätzen ausleuchtet:

    Ich meine den Gegensatz zwischen
    diese(r) eigentlich schwierigste(n) Passage im Vaterunser, wo es um das ‘Böse’ in uns geht
    einerseits und
    freuen uns bereits auf die Absolution
    andererseits.

    Wie verhält sich beides zueinander?
    In der Antwort, die wir auf diese Frage geben, zeigt sich viel von der Art und Wirkung unseres Glaubens.

    Wie fast immer im Leben wird es dabei sehr viele individuelle Nuancen geben, die persönlich zu erkunden einen langen Prozess der Selbsterkenntnis und der Glaubensentwicklung voraussetzen. Des leichteren Verstehens wegen lassen sich aber – eher modellmäßig – zwei unterschiedliche (Glaubens-) Positionen unterscheiden, wie sich m.E. auch recht gut am Beispiel Martin Luthers vor und nach seinem “Turmerlebnis” https://martinlutherunddiereformation.jimdofree.com/das-turmerlebnis/ verdeutlichen lässt.

    Position 1 (Luther vor dem Turmerlebnis)
    stellt das Böse, die Schwere der Schuld und Verstrickung und die Angst vor den Folgen – also “das Unwohlsein” – in den Vordergrund. Die Vergebung erscheint dann eher als eine kraftlose religiöse Formel, die recht wenig gegen das real existierende Unwohlsein ausrichtet.

    Position 2 (Luther nach dem Turmerlebnis)
    löst die Fixierung auf das eigene unselige Ich und schaut auf Gottes Liebe und den Ruf Jesu Christi und erfährt darin eine ganz neue Freiheit von den alten Fesseln und die Freude der Vergebung und des persönlichen Angenommenseins.

    Wie setzen wir die Akzente?

  2. … vergib uns unsere Schuld,
    wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.
    Und führe uns nicht in Versuchung,
    sondern erlöse uns von dem Bösen..
    Wir beten es oft und immer wieder im Gottesdienst, mal gebetsmühlenartig, wie das alte Mütterchen mit Kopftuch neben mir oder laut und prononciert im dialektfreien Bass der Herr im Anzug hinter mir.
    Was geht in uns vor, wenn wir diese eigentlich schwierigste Passage im Vaterunser, wo es um das “Böse” in uns geht? Denken wir im Gebetsgebrabbel gar nicht mehr darüber nach oder sind wir gar überzeugt, doch überhaupt keine Schuld zu haben. Dann können wir die Passage wie og. Herr rezitieren.
    Wenn wir uns aber in irgedeiner Art schuldig fühlen, haben wir vielleicht ein leichtes Unwohlsein bei dieser Passage und freuen uns bereits auf die Absolution. Das echte “sich zu Herzen nehmen” dieser Passage ist meiner Ansicht nach eines der schwierigsten Dinge im Leben eines Christenmenschen. Denn dieses “zu Herzen nehmen” wäre doch der Ausgangspunkt einer Veränderung in unserem Denken und Handeln. Das wäre doch des Pudels Kern, um beim Thema zu bleiben.

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