25.08.2021 – Ebenbildlichkeit

Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn und schuf sie als Mann und Frau. (1. Mose 1,27)

Im Herrn ist weder die Frau ohne den Mann noch der Mann ohne die Frau; denn wie die Frau von dem Mann, so ist auch der Mann durch die Frau; aber alles von Gott. (1. Korinther 11,11-12)

Es ist ja mit Debatten um Geschlechtergerechtigkeit so eine Sache. Sie werden häufig mit solcher Vehemenz geführt, dass ein auch nur teilweiser Konsens in weiter Ferne zu stehen scheint. Und das obwohl bestimmte Aspekte unter dem Begriff „Geschlechtergerechtigkeit“ so klar erscheinen, z.B. das Problem des sog. Pay-Gap, also Gehaltslücken zwischen Männern und Frauen im selben Beruf. Vermutlich ist es die Debatte um geschlechtergerechte Sprache, die die generelle Frage der Geschlechtergerechtigkeit so überschattet, was wohl wiederum daran liegen mag, dass ein staatlich-regulativer oder auch nur diskursiver Eingriff in die eigene Art zu sprechen als maximal übergriffig angesehen wird. Und wenn die Frage der geschlechtlichen Identität ebenfalls unter diesem Begriff diskutiert wird, scheinen sich manche TeilnehmerInnen der Debatte überfordert zu fühlen.

Losung und Lehrvers für den heutigen Tag stellen für mich die Frage nach einem christlichen Standpunkt in der Debatte um Geschlechtergerechtigkeit. Manche Positionen aus christlichen Gemeinschaften gehen von einer klaren schöpferischen Ordnung des Menschengeschlechts und einer deutlichen Vorstellung von und Unterscheidung zwischen Männern und Frauen aus. Sie finden dabei in der Bibel einige textliche Grundlagen und verweisen auch gerne auf die Schöpfungsberichte. Auch der Lehrvers greift diese in seinem „alles [ist] von Gott“ auf. Danach sei es völlig offensichtlich, was Mann und was Frau, was männlich und was weiblich sei. Die Trennung beider entspreche göttlichem Schöpfungswillen ebenso wie etwaige Zuweisung von Rollen oder gar Hierarchien, wie sie sich auch im alltäglichen Sprachgebrauch niederschlagen.

Mir erscheint diese Position zweifelhaft. Die Beschreibung der Schaffung des Menschen als Ebenbild Gottes, das Sein des Menschengeschlechts “von Gott” fordert zu allererst auf, in den Erscheinungsformen der Menschen Gott zu suchen und zu erkennen. Es ist also weniger ein normierender als eher ein deskriptiver Inhalt. Nicht das, was wir meinen vorzufinden soll auch so sein, sondern das was wir vorfinden, das offenbart uns etwas über Gott. Die Schöpfungsberichte erscheinen danach eher ungeeignet, eine Haltung zu stützen, mit der geschlechtsbezogene Unterscheidungen ohne sachliche Gründe aufrechterhalten werden. Denn was sagt es über die eigene Vorstellung von Gott aus, wenn Gott nur in einer starren, binären Geschlechtsordnung gefunden werden kann?

Selbst wenn mensch ganz unkreativ von einer klaren binären Schöpfung der Menschheit ausgehen möchte, so folgt daraus doch nichts an Rollenzuweisungen oder Unterordnungen, wie wir sie immer noch vielfach vorfinden. Die Bibel enthält ebenso wie das bekannte paulinische “das Weib schweige in der Gemeinde” offenbar auch das “so ist der Mann durch die Frau”. Wo ist da Raum für ein eindeutiges Gebot zur sprachlichen oder sonstigen Zuweisung von Geschlechterrollen und Positionen?

Wenn unser christlicher Standpunkt solche Blüten im Umgang mit Gottes Ebenbildern trägt, dann haben wir bei unserer Betrachtung dieser Ebenbilder wohl noch einige Fassetten Gottes übersehen.

Ulrich v. Ulmenstein

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