25.03.21 – “Was tust du?”

Drei Bauarbeiter sind dabei, Steine zu behauen, als ein Kind dazu kommt und den ersten Arbeiter fragt: „Was tust du da?“ „Siehst du das denn nicht?“, meint der und sieht nicht einmal auf. „Ich behaue Steine!“ „Und was tust du da?“, fragt das Kind den zweiten. Seufzend antwortet der: „Ich verdiene Geld, um für meine Familie Brot zu beschaffen. Meine Familie ist groß.“ Das Kind fragt auch den dritten: „Was tust du?“ Dieser blickt hinauf in die Höhe und antwortet leise: „Ich baue einen Dom!“  (nach Manfred Frigger)

Monatelang hatte ich diesen Augenblick herbeigesehnt. Zuerst war es nur ein Traum gewesen: „Irgendwann willst du auch mal…“, doch die Sehnsucht war zu groß und so legte ich immer wieder ein wenig von meinem BaföG zur Seite, buchte den Flug und stand nun 2.000km entfernt von zuhause an einem Bordstein und legte den Kopf in den Nacken: 18 Kirchtürme sollen es einmal werden, der Hauptturm wird der höchste Kirchturm der Welt, 3 aufwendig gestaltete Fassaden sind geplant und der Innenraum gleicht einem träumend-buntem Säulenwald.

140 Jahre ist es nun her, dass ein Mann wagte zu träumen. Der große Künstler und Architekt Antoni Gaudí übernahm in den 80er Jahren des 19.Jh. die Planung der „Kirche zu Ehren der Heiligen Familie“ in Barcelona. Er verwarf die alten Pläne einer neogotischen Basilika und entwickelte, tief von seinem Glauben inspiriert, die Vision einer Kirche, wie sie bis heute kaum vorstellbar ist. Auf die Unmöglichkeit einer Fertigstellung zu seinen Lebzeiten angesprochen, antwortete Gaudí nur: „Mein Kunde hat keine Eile“.
Und tatsächlich erlebte Gaudí lediglich die Fertigstellung eines Turmes und einer Außenfassade, bevor er im Alter von 74 Jahren bei einem Verkehrsunfall ums Leben kam. Doch seine Pläne sind erhalten geblieben und so wird bis heute an der beeindruckenden Kirche, die unter dem spanischen Namen „Sagrada familia“ besser bekannt ist, gebaut.
Vier Stunden traumwandele ich durch die Baustelle des Doms. Jeder Stein, jede Verzierung an den Portalen, jedes Buntglasfenster erzählt in beeindruckender Weise von Gaudís tiefem Vertrauen auf den christlichen Gott. Die gesamte Kirche ist ein einziges Glaubensbekenntnis.

Ich bin tief beeindruckt von dem Bau und vor allem von der Kraft, die aus Gaudís Visionen spricht. Wenn ein einzelner Mann aus seinem tiefen Glauben heraus, Generationen von Menschen zu einem solchen Werk inspirieren kann, wie viel mehr könnte die Gemeinschaft der Christen dann mit Gottes Hilfe auf dieser Erde vollbringen? Gaudí baute eine Kirche von der er wusste, dass er sie niemals vollenden würde. Und auch wir können uns trauen von einer Kirche zu träumen, die die Menschen zum Staunen einlädt und von unserem Glauben erzählt. Ob Kirchenvorstand oder Küsterdienst, Kinderbibel vorlesen oder Einsame besuchen, Hand halten oder Ohr leihen, gemeinsam lachen und singen – wenn ein Kind dich fragt „Was tust du?“, dann kannst du antworten „Ich baue eine Kirche!“

Charlotte von Ulmenstein

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