22.04.2021 – „Ich habe mich versteckt, weil ich nackt bin.“

Ich habe mich versteckt, weil ich nackt bin.“

Es ist Nacht. Vielleicht 2:00 Uhr. Und ich liege wach. Wie magnetisch angezogen wandern meine Gedanken durch meine Erinnerungen. An Tage meiner Schulzeit, als ich mit den alten und zerschlissenen Klamotten in die Klasse komme und ich die wertenden Blicke der anderen auf mir spüre. Weiter an den Moment, wo ich meinen Mut zusammengenommen habe, um ihm endlich zusagen, was ich für ihn empfinde – und er schief lächelt, die Augenbraue hochzieht und den Kopf schüttelt. Und wieder weiter: ich bin älter geworden, versuche in einer neuen Gruppe Fuß zu fassen, will selbstsicher rüberkommen, lässig, sage etwas – und ernte betretenes Schweigen. Es ist Nacht. Vielleicht 2:10 Uhr. Und ich ziehe die Decke über den Kopf.“ Solche Momente kommen mir in den Sinn, wenn ich die Losung für den heutigen Donnerstag lese: Wer auf ihn [den HERRN] schaut, strahlt vor Freude. Niemand wird vor Scham erröten.“ (Psalm 34.6) Die Scham scheint ein wichtiges Gefühl für den christlichen Glauben zu sein. Direkt nach dem zweiten Schöpfungsbericht verstecken sich die Menschen, denn sie wissen, seit sie vom Baum der Erkenntnis gegessen haben, dass sie nackt sind. Und so wollen sie sich Gott nicht zeigen. Sie bedecken ihr Blöße. Sie verhüllen sich vor Scham. Dieser Reflex hat uns fest im Griff. Wenn unsere Wangen vor Scham rot werden, bedecken wir sie mit unseren Händen oder schlagen sie vors Gesicht. Wir haben den buchstäblichen Wunsch, im Boden zu versinken. Wir fühlen uns so bloßgestellt, so entblößt, dass wir es ganz instinktiv mit Adam und Eva gleichtun und uns bedecken und verstecken wollen. Entwicklungspsychologisch ist dieser Reflex wahrscheinlich überaus hilfreich, denn wahrscheinlich sind einige der größten Schritte unsere persönlichen Entwicklung zur Selbstbestimmung auch jene, in denen uns Scham verstummen und machtlos werden lässt. Aber auch wenn dem so ist, so wird die Scham dadurch nicht wirklich angenehmer. Doch: Der Psalm für diesen Tag verspricht uns anderes. Dass wir vor Freude strahlen werden im Angesicht Gottes. Dass die Scham vergehen wird in seiner Gegenwart. Das Gefühl eigener Unzulänglichkeit wird verschwinden und wir werden uns nicht länger verhüllen müssen. Nicht vor den Menschen. Und nicht vor Gott. Eine Hoffnung, in der sich schon jetzt Ruhe finden lässt auch in rastlosen Nächten.

Ulrich von Ulmenstein

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