21.06.2021 – Bloß keine Trauzeugen!

Was hat eigentlich der liebe Gott am Traualtar verloren? 

Ich finde die Frage gar nicht so abwegig. Wir sind ja hier nicht katholisch, die Ehe ist also kein Sakrament. Wenn aber umgekehrt eine Trauung nicht allein deshalb in der Kirche stattfindet, weil dort die Deko (im besten Fall) schöner ist als auf dem Standesamt, was hat Gott dann eigentlich zu tun?

Ich würde es so sagen (in aller Freiheit, kein Theologe zu sein):

Als es in meiner Ehe schlecht lief, brauchte ich den göttlichen Beistand mehr als in den rosigen Zeiten. Andererseits gilt das ja für das Leben in vielen Lagen, von der Abi-Prüfung bis zur Midlife-Crisis.

Erst als also unsre Ehe in einer Krise war, erinnerte ich mich von Neuem,

dass uns unser Pfarrer aus dem mitteldeutschen Pastoren-Geschlecht der Begrichs ein Gebot und ein Verbot mitgegeben hatte, als er uns traute, in einem Kirchlein im früheren Sperrgebiet auf der Höhe von Halberstadt:

Beim Ehe-Versprechen gebot er uns, Treue & Liebe zu geloben (nicht umgekehrt!). Vielleicht hielt er die Liebe für eine etwas wackelige Angelegenheit.

Kategorisch fiel das Verbot aus:

Keine Trauzeugen. 

Wirklich, keine Trauzeugen? 

Bloß keine Trauzeugen!

Weil Begrich der Ältere einen beeindruckenden Bart trägt (von dem ich mich immer frage, ob er ihn an die Begrichs, die Jüngeren, weitergegeben hat), taten wir wie geheißen. Und wenn ich mich recht erinnere, ging seine Begründung in etwa so:

In guten Zeiten ist man auf Trauzeugen nicht angewiesen, in schlechten aber bestellen die Ehe-Duellanten sie womöglich zu  Sekundanten im Eifer um den besten Schuss im Morgengrauen des Frühstückstisches.

Eine tiefere Weisheit dieses Rats erschloss sich mir erst viel später:

Weil mein Blick nicht von Menschen abgelenkt wurde, wenn ich nach Beistand in der Beziehung suchte, fiel er auf den abwesenden Dritten bei unserem Eheversprechen: den großen Anwesenden.

Mein Lieblingsbild unserer Hochzeit – von meiner Wunschschwester aus Thüringen aufgenommen – zeigt uns als Brautpaar bloß von hinten: Lehne an Lehne sieht man die Brautstühle nebeneinander stehen im Kirchenschiff, von unseren Köpfen kaum überragt, und dazwischen schaut Begrich d.Ä. uns ernst und irgendwie heiter zugleich ins Gesicht. Das Licht durchs Kirchenfenster aber fällt auf das Engelchen über dem Altar.

Seitdem, wenn die Ehe-Teufelchen mich plagen oder meine Frau, denke ich: Er wird sich doch was gedacht haben uns zusammen zu bringen, dieser rätselhafte Immer-weg-Immer-da, den wir G’tt nennen. 

Der Gedanke allein macht die schweren Momente leichter und die leichten tiefer: So wie heute, am 21. Juni, unsrem Hochzeitstag.

Natürlich weiß ich nicht, auf welche Weise G’tt seine Hand dabei im Spiel gehabt hat, meine Frau und mich  zum ersten Kuss zu führen, Jahre vor Verlobung und Trauung, am Tag der deutschen Einheit anno domini 1998. Ebenso wenig ahne ich, wie lange er uns als Ehemann und Ehefrau zusammen gefügt sehen mag. 

Ziemlich gewiss bin ich mir aber, am Anfang war er da, der eine gemeinsame Trauzeuge von Ines & mir. Warum also sollte er nicht bei uns bleiben, in Zeit & Ewigkeit?

Patrik Schwarz

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