18.05.2021 – Wenn du mich anblickst, werd‘ ich schön …

Wir gehen auf Pfingsten zu. Pfingsten ist das christliche Fest, das mir immer ein wenig fremd geblieben ist. Die Aussendung des Heiligen Geistes – damit habe ich mich immer schwergetan.

Aber dann, vor ein paar Wochen, kreuzte ein Gedicht von Gabriela Mistral wieder meinen Weg. Es beginnt so:

Wenn du mich anblickst, werd’ ich schön,
schön wie das Riedgras unterm Tau.
Wenn ich zum Fluss hinuntersteige,
erkennt das hohe Schilf mein sel’ges Angesicht nicht mehr.

Und der letzte Vers:

Die Nacht ist da. Aufs Riedgras fällt der Tau.
Senk lange deinen Blick auf mich. Umhüll mich zärtlich durch dein Wort.
Schon morgen wird, wenn sie zum Fluss hinuntersteigt,
die du geküsst, von Schönheit strahlen.

Ich habe mich an die Pfingstpredigt eines Freundes zu diesem Gedicht erinnert. Er hat den Vers der Dichterin, „Wenn du mich anblickst werd‘ ich schön, schön wie das Riedgras unterm Tau“ weitergesponnen: „Vielleicht kann man auch sagen: Wenn jemand Gott liebt, wird der liebende Gott da sein und von seinem Antlitz widerstrahlen.
Erinnerst du dich daran, als du das erste Mal verliebt warst, so richtig verliebt? Oder auch das letzte Mal, vielleicht gerade erst? Und als dann der oder die Auserwählte das erste Mal eindeutig zurückgelächelt hat? Vielleicht bist du rot geworden bis über beide Ohren. Da war sicher nicht mehr viel Platz in dir für andere Gedanken und Gefühle, für deine Zweifel an dir selbst, so groß sie sonst auch gewesen sein mögen ….
„Wenn du mich anblickst werd‘ ich schön“ – es ist die innere Schönheit, die aufstrahlt, wenn ich geliebt werde. Wenn ich schlagartig weiß: da ist jemand, der mich mag. Da ist jemand, den ich mag.

Und wenn ein Mensch diese Erfahrung macht, kann es sein, dass man ihn dann nicht mehr wiedererkennt. Es muss auch gar nicht unbedingt die eine große Liebe sein. Wenn ich einen Menschen neu kennen lerne (manchmal einen, dem ich schon seit Jahren begegne), wenn eine Beziehung gelungen ist, wenn ich spüre, der oder die andere nimmt mich so an, wie ich bin, dann fühle ich mich oft wie ein ganz neuer Mensch. „Wenn ich zum Fluss hinuntersteige, erkennt das hohe Schilf mein sel’ges Angesicht nicht mehr.“
Wenn du so geliebt wirst und liebst, dann steigt ein Geist in dir auf, eine Be-Geisterung, und alles erscheint in einem anderen Licht. Du begreifst, was du bis dahin nicht hast glauben können: Du bist ein schöner Mensch.

Diese Momente – sie sind nicht immer da. Aber sie sind es, die dein Leben bestimmen können, manchmal über Jahre. Sie können alles auf den Kopf stellen. Schon manch einer hat in diesen Momenten ein ganz neues Leben angefangen, sich völlig anders ausgerichtet. Manchmal kann das ein Strohfeuer sein. Aber es kann auch anhalten bis zum Ende des Lebens, kann es bestimmen und schön machen. Und dieses Feuer, das das Leben in Brand setzt, das ist nicht nur ein Vorrecht der Jugend. Es kann Menschen ganz unterschiedlichen Alters erfassen.

Vielleicht ist auch das das Geheimnis von Pfingsten. Manchmal werde ich gefragt: „Wie kannst du glauben?“ Eine Antwort auf diese Frage könnte sein: Wenn ich spüre, dass Gott mich sieht, er mich liebt. Oder anders: „Senk lange deinen Blick auf mich. …. Wenn du mich anblickst werd‘ ich schön; schön, wie das Riedgras unterm Tau.“

Ulrike Renker (nach einer Predigt von Holger Kaffka)

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