16.04.2021 – Leberblümchen

Seit meine Mutter voriges Jahr verstorben ist, beobachte ich an mir einige neue Angewohnheiten – zum Teil mit Argwohn, zum Teil amüsiert. Neuerdings streichle ich immer mal ein paar Buschwindröschen oder Leberblümchen im Auwald (natürlich, nachdem ich in alle Richtungen gespäht habe,
ob mir wirklich nur der – eigene – Hund zuguckt).
Ich habe mir zum Geburtstag einen Schreibtisch-„Organizer“ schenken lassen, weil ich ihre „Ein-Griff-und-ich-habe-Leim, Schere, Briefmarke …“- Ordnung neuerdings nicht mehr zum Augen verdrehen, sondern genial finde.
Meinen Kindern habe ich Order gegeben, sich um ein Enkelkind für mich zu bemühen, statt über eine Hundeanschaffung nachzudenken. Ich spreche jetzt nämlich schon fremde kleine Kinder an, wie toll sie Roller, Laufrad, Fahrrad fahren oder was sie für einen niedlichen Teddy haben. DAS stimmt mich wirklich bedenklich – eine echte „alte-Tanten-Marotte“ , der ich immer schwerer widerstehen kann. Außerdem komme ich an keinem Hinweisschild „zum Schloss“ oder „Kulturdenkmal“ o. ä. vorbei, was meine Fahrzeiten selbst in der Pandemie erheblich verlängert.
Und so stehe ich mit einem Mal vor dem „Schloß“ in Ammelshain und bin beeindruckt, was man für eine wunderbare Wohnanlage aus dem ehemaligen Herrenhaus und allen Nebengebäuden gemacht hat.
Die schöne Freitreppe wird gerade noch restauriert und ich, deren erster Berufswunsch zwischen Tierärztin und Prinzessin schwankte, träume ein bisschen vor mich hin.
Eine Frau kommt durch das Tor und als sie auf meiner Höhe ist, bricht eine nächste mütterliche Erbmasse ungebremst aus mir heraus. Bevor ich denke, öffnet sich mein Mund: „Ach, wie herrlich Sie hier wohnen!“ Sie bleibt stehen und lächelt, während ich denke: „Mensch Claudia – wie deine Mutter!“  Wie oberpeinlich ist das denn!

Sie waren wohl noch nicht hier?“ fragt sie mich und ich bin ein bisschen verschämt, weil Ammelshain ja nur 30 km von Leipzig weg ist. Gleichzeitig bin ich froh, dass sie mich nicht für seltsam hält oder es sich jedenfalls nicht anmerken lässt. Und dann schwatzen wir über die Aktivitäten vor der Haustür, die man mangels Reisemöglichkeiten jetzt unternimmt, über das Leben in der Stadt/auf dem Land, über Arbeit und homeoffice, über die „Liebe auf den ersten Blick“ – eine Wohnung betreffend … keine Angst, der Abstand blieb gewahrt, aber es war einfach unerwartet nett.
Nachdem wir uns verabschiedet haben, bummle ich noch – zum leider verschlossenen -Kirchlein und über den Friedhof, wo ich lange am – mit dem Vereinsschal geschmückten – Grab eines jungen Footballspielers stehen bleibe. Ach ja.

Wir wissen nicht, wann unser letztes Stündlein schlägt – und das ist gut so.

Gut ist es auch, wenn wir die Tage, die wir leben dürfen, dankbar annehmen können – das was gerade ist. Mit und ohne Erbmasse. Mit Offenheit und ohne falsche Scham.
Und ich bin doch auch ein bisschen froh, dass ich wieder mal „ganz Mutters Tochter war“. Spontane nette Begegnungen kann es auch „in diesen Zeiten“ geben. Der oder die Nächste muss diesbezüglich nicht immer zum „eigenen Hausstand“ gehören, die 2 m dazwischen stehen dem nicht im Weg, sondern machen viel möglich.

Ihre Claudia Krenzlin   (Fotos: privat)

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