15.03.21 – Tragik

Ambrose Bierce erzählt in der Kurzgeschichte „Der Bewerber“ von einem tragischen Fall: An einem Morgen nach einer bitterkalten Nacht stolpert ein Junge beim Toben im Schnee über die zugeschneite Leiche eines erfrorenen Obdachlosen. Sie liegt unweit eines Altmännerheimes, bei dem der Mann am Abend vorher um Einlass gebeten hatte und unter fadenscheinigen Ausreden abgewiesen wurde. Am Ende
stellt sich heraus, dass der Bewerber einst ein sehr reicher Handelskaufmann war, der durch Schicksalsschläge verarmt war und einst in besseren Tagen einen erheblichen Teil seines Gewinns aufgewendet hatte, um genau dieses Altmännerheim zu erbauen und für seinen Unterhalt aufzukommen.

Die Fürsorge für im Leben Benachteiligte bzw. Gestrandete haben wir staatlichen und wohltätigen Organisationen und Einrichtungen übertragen und tragen zu deren Finanzierung durch Steuern und Spenden bei. Zweifellos wird dort vielen Menschen professionell und kompetent geholfen. Die obige makabre Geschichte macht mir aber klar, dass keine noch so soziale Einrichtung die Herzenswärme und die Zuwendung im einzelnen Notfall ersetzen kann. Jeden Tag kann uns ein Mensch über den Weg laufen, der Hilfe oder Anteilnahme braucht, und an dem wir schuldig werden können, wenn wir – aus welchen guten Gründen auch immer – gerade jetzt an ihm vorbeigehen oder ihn mit wohlfeilen Sprüchen abspeisen.

Auch denke ich daran, dass jeder von uns in eine hilflose Lage kommen kann, wo sich erweisen wird, wie es um die Nächstenliebe bestellt ist.

Beste Grüße Ihr Günther Jacob

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„Der Bewerber“ in: Ambrose Bierce BITTERE STORIES Seite 155, Sammlung Dieterich Band 285

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