15.02.21 – Familie ist, wo … (2)

Erst dachte ich, dass sei vielleicht nicht nötig. Doch seit einigen Jahren trage ich eine Gleitsichtbrille. Damit kann ich nach kurzer Eingewöhnungszeit gut erkennen, was weiter weg und was ganz nah ist. Nur mit Fernbrille war das mit der Nähe schwierig.

Jetzt, wo ich über das Thema Familie nachdenke, geht mir auf, dass da auch ein Gleichnis drinsteckt: Die Familie ist der persönliche Nahbereich unseres Lebens. Der Ort, wo uns das Leben nahegeht. Hautnah. Wo wir uns nackt begegnen. Ein aufregender Ort der Intimitäten. Und ein vertrauter Ort der festen Gewohnheiten. Wo wir uns durch und durch kennen und erkennen. Für viele ein Sehnsuchtsort… Für manche auch ein Gefängnis…

Also alles andere als eindeutig und klar. Wie auch das Wort aufregend. Oder das Wort reizend. Manchmal wie der Himmel auf Erden… Und manchmal auch wie die Hölle…

Entsprechend weit gehen auch die Meinungen auseinander: Mein Einundalles! sagen die einen. Ohne mich! die anderen. In Film und Fernsehen wird beides für ein Millionenpublikum genüsslich  aufbereitet. Jede/r  kann da fündig werden und sich bestätigt fühlen.

Im Fernsehen, natürlich! Und im Nahsehen? Ergibt da eins das andere, mehr oder weniger glücklicherweise? Oft scheint es so, weil ich es ganz und gar nicht allein in der Hand habe. Nicht, was der oder die Andere sagen und tun wird. Und ja – so komisch es auch klingt – nicht einmal mich selbst, mit meinen verborgenen Tiefen und Untiefen!

Und doch! Jetzt komme ich wieder auf meine Gleitsichtbrille zurück, die ich brauche, wo die Fernbrille allein nicht hilft. Ich kann meinen Blick und meine Aufmerksamkeit fokussieren auf das, was da gerade ganz in der Nähe läuft, um mich herum und aus mir heraus. Manches erfasse ich nicht gleich auf den ersten Blick. Ist das jetzt meine Sache oder deine Sache? Aber bei längerem genauen Nahsehen werden doch Muster erkennbar: Was gut geht, und wo Problemfelder liegen. Was Kraft kostet, und wo wir miteinander Energie tanken können. Was du brauchst und was ich brauche.

Dieses Nahsehen kann zu einem tieferen Erkennen und Verstehen führen. Darin liegt eine große Chance zum gemeinsamen Wachsen und Reifen in der Familie. Und wenn dieses Nahsehen mit den Augen der Liebe geduldig geübt wird, dann kann sich das, was zuerst ein Problem war, sogar noch als Schatz erweisen.

Es sind familiäre Sternstunden, wenn wir miteinander auf eine solche Schatzsuche gehen und fündig werden. Eine genaue Handlungsanleitung für alle Lebenslagen wird es dazu nicht geben, wohl aber beherzigenswerte Einsichten, von denen ich abschließend noch einige herausheben möchte.

  • Wie alles, was leben soll, braucht auch die Liebe Nahrung.
  • Wir können nur miteinander und nicht gegeneinander glücklich werden.
  • Familie ist ein wechselseitiges Geben und Nehmen, das manchmal in eine Schieflage gerät und immer wieder neu ausbalanciert werden muss.
  • Das Geschenk des Verstehens und Verstandenwerdens hängt eng mit unserer Fähigkeit zum Perspektivwechsel – es mal mit den Augen der anderen zu sehen – zusammen.
  • Wo einer des anderen Last trägt (Galater 6,2), wird keiner unter seiner eigenen Last zusammenbrechen.

Herzlichst,

Ihr Heinz Schneemann

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