15.07.2021 – Weißt Du noch, wo vorne und hinten ist?

In einem alttestamentlichen Seminar während meines Studiums habe ich gelernt, dass die Welterfahrung jüdischer Menschen in der Antike mit der Perspektive eines Ruderers verglichen werden kann. Nicht nur im Blick auf den Raum, sondern auch auf die Zeit kann man immer nur das sehen, was vor einem liegt, weil es bereits geschehen ist – die Vergangenheit, die Geschichte Gottes mit seinem Volk. Die Zukunft dagegen liegt unvorhersehbar hinter einem, auch wenn man sich beständig in sie hineinbewegt.

Photo by Matteo Vistocco (Unsplash)

In der deutschen Sprache und Vorstellungswelt ist es etwas komplizierter, die Begriffe changieren sehr stark: Das, was vor uns war, kann sprachlich auch hinter uns liegen; und was nach uns kommt, liegt vor uns.

Dass der Blick zurück nach vorn weisen kann, hat in beeindruckender Weise Esther Bejarano gezeigt, die am vergangenen Samstag verstorben ist. Als Holocaust-Überlebende hat sie immer wieder in bestechender Klarheit und Intensität darauf hingewiesen, dass wir die Erinnerung an das unermessliche Leid von Krieg und Shoah brauchen, wenn wir zukünftig eine Gesellschaft bauen wollen, die für alle Menschen lebenswert ist. Ihr Motto war „remembering means acting“ – zu erinnern, heißt zu handeln.

Nun, da ihre Stimme fehlt, ist es an uns, die Ruder in die Hand zu nehmen, um mit dem Blick zurück voran zu kommen.

Herzliche Grüße

Ihr Konstantin Enge

 

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