13.06.2021 – Perfekt oder kompatibel?

Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken. (Mat11,28).

Dieses Jesuswort begleitet uns als Spruch in die neuen Woche.

Das klingt einladend. Wir haben doch alle unser Päckchen zu tragen. Gegen Erquickung und Entlastung wird wohl niemand etwas einzuwenden haben. Und wenn Jesus das anbietet, dann ist es sicher auch kein billiger Werbetrick, bei dem uns wieder so ein supergünstiges Abo aufgeschwatzt wird, dass unser Leben in kürzester Zeit nachhaltig verändern soll.

Aber eine Frage muss ich doch stellen: Wie ist das genau zu verstehen, und wie soll es funktionieren?

 

Bei der Suche nach einer Antwort stoße ich zunächst auf die Frage nach der angemessenen Übersetzung aus dem griechischen Urtext. Luthers Übersetzung ist uns zwar recht lieb und vertraut geworden, aber sie trifft in diesem Fall doch nicht so ganz den Kern der Sache.

Die wörtliche Übersetzung heißt: Kommt zu mir, alle, die ihr euch plagt und schwere Lasten zu tragen habt, und ich werde euch Ruhe verschaffen.
Damit spielt Jesus auf die Lasten an, die den Menschen seiner Zeit mit den vielen religiösen Gesetzen und Vorschriften auferlegt waren. Sie wurden mit einem Joch verglichen, unter dem Lasttiere ihre tägliche Arbeit verrichten mussten.

Das wird auch durch die beiden folgenden Verse in der Lutherbibel bestätigt: Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen. Denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht. (Mat11,29f.)

 

Haben wir dem Vers mit dieser Erklärung seine erquickende Verlockung und Frische genommen? Schließlich leben und leiden wir doch heute nicht mehr unter diesem Joch des (religiösen) Gesetzes?

Im engeren Sinne stimmt das wohl, doch jetzt kommt ein großes ABER: In unserer Gesellschaft gibt es längst ein neues Joch, das weite Teile des öffentlichen wie des privaten Lebens bestimmt – das Joch des Perfektionismus. Glauben und essen dürfen alle, was sie wollen, aber was man sagt und tut, das muss passen und klappen und stimmen.

 

Ich denke da zum Beispiel an junge Paare, die den schönsten Tag ihres Lebens bis ins kleinste Detail vorbereiten und dabei weder Kosten noch Mühe scheuen. Und dann genügt schon eine sprichwörtliche Regenwolke, die aus einer Mücke einen Elefanten werden lassen und alles zum Platzen bringen kann…

 

Im Evangelium für den 2. Sonntag nach Trinitatis aus Lukas 14,16-24 zeigt Jesus, dass Gott da ganz anders denkt und handelt: Das Fest wird gefeiert, auch wenn zunächst alles schief zu gehen scheint und die wichtigsten Gäste absagen. Die Einladung gilt und geht weiter. Kommt, auch wenn ihr nicht perfekt seid!

 

Die Geschichte scheint sich zu wiederholen: Perfektionisten haben es besonders schwer, weil sie es sich besonders schwer machen.

Es ist wohl wieder einmal Zeit zum Umdenken.
Was könnte die Alternative zu unserem heutigen Perfektionismus sein? Mir fällt dazu das Wort kompatibel ein. Entscheidend und wichtig ist nicht, dass ich perfekt bin. Aber ich möchte kompatibel sein – im Sinne von passend und verträglich und zuträglich – in meiner Beziehung und Familie, im Freundeskreis und in der Gemeinde, in der Nachbarschaft und in unserer Gesellschaft und – nicht zu vergessen: auch mir selbst und Gott gegenüber.

 

Ich verstehe den Wochenspruch als Jesu Einladung zum Umdenken in diese Richtung: Wo wir es wagen, mehr auf Kompatibilität als auf Perfektionismus zu setzen, da wird das Leben für alle erquicklicher.

Einen gesegneten Sonntag und eine erquickliche neue Woche wünscht Ihnen

Ihr Heinz Schneemann

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