12.04.2021 – Eine Gottesbegegnung

Von Charles V. Stanford, einem irischen Komponisten und Organisten um die Jahrhundertwende zum 20. Jahrhundert, stammt eine der schönsten Vertonungen des „Nunc dimittis“: „Herr, nun lässt du deinen Diener in Frieden fahren, wie du gesagt hast; denn meine Augen haben dein Heil gesehen.“ (Lk 2,29) Dieser Vers, die heutige Tageslosung, wird Simeon in den Mund gelegt, nachdem er den neugeborenen Jesus im Tempel gesehen hat.

Der Lobgesang des Simeon hat es zur Berühmtheit geschafft. Er ist heute täglicher Bestandteil katholischer Stundengebete und des Nachtgebets. Unzählige Chorsätze, von Mendelsohn bis Pärt, interpretieren diese Worte auf ihre je eigene Weise.

Wer jemals das Nunc dimittis von Mönchen in einer englischen Kathedrale hat singen hören, oder die sphärischen Klänge jenes Stanford von Chor und Orgel in der tragenden Akustik des Berliner Doms – den lassen diese Worte des Simeon nicht mehr los: Dankbarkeit, Erfüllung, Frieden, Abschied, Gottesnähe, Hingabe. All das liegt in dieser Begegnung von Simeon und dem Kind. Er begreift alles, als er Jesus sieht. Und für ihn ist alles erfüllt, der Kreis seines Lebens schließt sich, er macht sich auf den Weg nach Hause. Ganz ohne Angst und Widerstand. Denn er hat Segen und Wahrheit erfahren in dieser Begegnung mit dem Kind.

So erzählen diese wenigen Wörter im Lukasevangelium eine ganze Geschichte der Gotteserfahrung. Und vielleicht gefallen mir deshalb die Vertonungen ausgerechnet dieses Textes so gut, weil man das Gefühl hat, dass das Wichtigste dieser Gotteserfahrung eben zwischen den Zeilen steht. Dass die Bedeutung dieser Begegnung für Simeon mit Worten nicht beschreibbar, nicht erklärbar ist. Dass es möglicherweise das ist, was allein die Musik auszudrücken vermag. All die Zärtlichkeit der Klänge, die Farben der Töne, das Schweigen der Pausen und die Weite, die sich aufspannt und den Raum füllt – den in der Kathedrale, den in meinem Kopf, den, den die Seele zum Fliegen braucht und den zwischen den Zeilen des Lobgesangs des Simeon – all dies liegt jenseits dessen, was mit Worten gesagt werden kann.

Ich wünsche uns immer wieder Erfahrungen solcher Gottesbegegnungen, ganz unvermittelt, nicht sagbar, aber voll inneren Friedens und Erfüllung. Und vielleicht wird auch ein Lobgesang daraus.

Johanna Stein

 

 

One thought on “12.04.2021 – Eine Gottesbegegnung

  1. Oh, dieses Wort zum Tag berührt mich sehr. Ich hörte die “Nunc dimittis” – Fassung von Arvo Pärt 2016 in der Peterskirche. Wenige Tage bevor ich ins Krankenhaus musste in Erwartung einer schlechten Diagnose. Nie werde ich diese Musik in dieser – ein wenig maroden – Atmosphäre in der Peterskirche vergessen. Ich war, wie Frau Stein so schön schreibt – zwischen den Zeilen, zwischen den Welten und da war – FRIEDEN und ERFÜLLUNG. Ein Angekommensein, auch wenn man noch auf dem Weg ist. Eine große Beruhigung inmitten meiner Unruhe. Unvergessen. Und doch so schön unvermittelt heute beim Lesen wieder gespürt (und gebraucht :-)). Danke!

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