10.07. 2021 – Wie eine Mutter …

Ich warte im Seniorenheim auf meine Tante. Wir wollen Eis essen gehen, die Schwester wird sie zu mir bringen. Während ich vor dem Heim warte, dringt eine Frauenstimme durch eins der geöffneten Fenster. Sie ruft ununterbrochen: „Mutti! Mutti! Mutti!“ Nicht schrill und nicht aufgeregt, sondern eher in einer sehnsuchtsvollen Monotonie.

Eine Filmszene taucht in mir auf. Kriegsschauplatz Afghanistan. Ein Soldat wird schwer verletzt. Ein Kamerad versucht, ihn zu bergen und bis Hilfe kommt, bei Bewusstsein zu halten. „Komm, mach die Augen auf, sag mir, wie deine Mutter heißt, komm, sag mir wie deine Mutter heißt, wie heißt deine Mutter????“ Selbst immer verzweifelter schreit er dem Verletzten diese Frage zu. Endlich öffnet dieser seinen Mund und sagt leise: „Mama“.

Glauben Sie mir, die Tränen treten mir jedes Mal wieder in die Augen, wenn ich an diese Szene denke – oder diese Szene an mich, denn ich werde sie nie mehr los.

Wie auch die Sätze aus Rainer Maria Rilkes 1899 geschriebener „Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke.“ Schauplatz Ungarn während des sogenannten „Türkenkrieges“ 1663:

Jemand erzählt von seiner Mutter. Ein Deutscher offenbar. Laut und langsam setzt er seine Worte … Alle lauschen. Sogar das Spucken hört auf. Denn es sind lauter Herren, die wissen, was sich gehört. Und wer das Deutsche nicht kann …, der versteht es auf einmal, fühlt die einzelnen Worte: „Abends“ … „Klein war …“

Der kleinste gemeinsame Nenner in allen Sprachen:

Die Sehnsucht nach Geborgenheit und Frieden. Nach Nähe und Liebe. Nach Zuhause. Nach Beschütztwerden. Denn, so schreibt Rilke: „Der Mut ist so müde geworden und die Sehnsucht so groß.“

Diese Sehnsucht kannte auch der Prophet Jesaja und sah sie beim Volk Israel und so sagte er zu ihnen: Gott spricht: Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet. (Jesaja 66,13)

Gott als Mutter. Was für ein weiches Bild (für mich, liebe Leser, ich weiß, dass manch einer kein so liebevolles Bild der eigenen Mutter zeichnen kann!). Gott als Vater und Mutter. Gott als ein Tröstender oder eine Tröstende – sagen wir einfach – Gott als TROST.

Gut, wer diesen Gott sucht und findet, sich von ihm suchen und finden lassen kann.

Besser, wenn der Mensch alles dafür tut, dass dieser Trost nicht wegen Krieg und Gewalt nötig wird.

Aber Trost werden wir immer brauchen. Und Liebe. Und Zuwendung. Und Hoffnung. Mögen wir all das aneinander finden, einander schenken und behütet bleiben in dem Glauben an einen Trost, der größer und tiefer ist als alles menschliche Bemühen.

Und möge jeder diese Filmszene vor Augen haben, der glaubt, Krieg oder Gewalt bringe etwas anderes hervor als Entsetzen, Verzweiflung, Trauer, qualvollen Tod.

Meine Tante steht lächelnd vor mir. Manchmal weiß sie nicht, wer ich bin. Sie sagt: „Wartest du schon lange? Ich musste erst noch die Kinder ins Bett bringen“. Ihre Erinnerungen sind nur noch Scherben eines langen Lebens. Aber ihre mütterliche Fürsorge bleibt eine liebende Aufgabe und für mich ein Trost.

Claudia Krenzlin

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