10.05.2021 – Vor Engeln wird gewarnt

Christen, die was auf sich halten, haben es oft nicht so mit Engeln, und besonders kritisch sind Pfarrer, ist meine Erfahrung. Ganz unverständlich ist das nicht, die biblischen Verweise auf die Engel des Herren sind oft eher vage – und umso reger blüht die Kitschindustrie jenseits von Kirche und Schrift. In Deutschland würden mehr Menschen an Engel glauben als an Gott, hat ein sehr kluger EKD-Hirte mal gesagt, und das sollte heißen: wie albern – wo doch Gott der Anfang und der Engel bestenfalls die Ableitung ist.

Vielleicht sind die Leute aber doch klüger, als es sich der kluge EKD-Denker vorstellen konnte, weil viele Menschen intuitiv spüren, dass einem Engel leichter nahe zu kommen ist als diesem Lieben Gott, der einem manchmal auch ganz schön fern vorkommen kann.

Wenn ich hier vor Engeln warnen will, dann aus einem anderen Grund – und vor anderen Engeln, als denen,  die man aufs Fensterbrett stellen kann oder in den Weihnachtsbaum hängen. So schön es ist, einem anderen Menschen zu begegnen, der ein Engel ist, so gut will überlegt sein, wie man mit der Begegnung mit dem Unwahrscheinlichen umgeht.

Ich kenne eine Frau zum Beispiel, glücklich verheiratet, zwei Kinder, und sogar in die Kirche ging sie gelegentlich, die lernte auf einer Geburtstagsfeier einen Mann kennen, der sie sehr beglückte. Nicht nur ein bissl Glück widerfuhr ihr da, wie ein Schluck Glühwein in der Adventszeit, nein dieser Mann war ihr ein wirklich tiefes Glück ihres Lebens, also durchaus auch ein wenig berauschend. Mehr wie eine halbe Flasche sehr guten Weins kam er ihr vor, und dagegen ist ja nun wirklich nichts zu sagen.

Schwieriger natürlich war für sie die Frage zu entscheiden, wie es nun weitergehen sollte, nach der ersten Euphorie, einem solchen Menschen begegnet zu sein, und dann nach einigen Monaten des besseren Kennenlernens eines Mannes, der ihr durchaus wie ein Engel auf Erden vorkam: er hatte ihr Leben durcheinander gebracht, das schon, aber eben auch in vielerlei Hinsicht in der bestmöglichen Weise. Er hatte sie neu auf alte Gewohnheiten schauen lassen, er hatte Schmerzhaftes überwinden geholfen, er hatte ungeahnte Perspektiven aufgezeigt, wie sie ihr Leben in Zukunft wohl weiterleben könnte, nicht ganz anders als vorher, gewiss, aber doch freier im Herzen und froher.

Jetzt kam der schwierigere Teil, für den Romeo und Julia keine Vorlage sein konnten und die Liebesfilme der Streamingdienste ebenso wenig wie die Lebenshilfe aus dem Internet oder klugen Ratgebern: wie verfährt man mit einem Engel, nachdem man das Glück erfahren hat, dass er das eigene Leben besucht und gehörig durcheinander gewirbelt hat, wie es der Engel Art nunmal ist?

Die Frau fand Trost bei einem Gedanken, der ihr erst gekommen war, als sie sich zugestanden hatte, den Engel auch Engel sein zu lassen. Ein Flügelwesen der Verwandlung hatte sie besucht und der war nun mal ein Sendbote der Freiheit: er brachte ihr Freiheit – und ließ sich die seine nicht nehmen.  Halb irdisch war er darum und halb himmlisch, mit einer Tendenz zur Rückkehr dorthin, von wo er gekommen war. 

Auf Erden sind Engel nur Besucher. Darum ist die Begegnung mit ihnen so grundstürzend, darum tut es so verdammt weh, sie wieder ziehen zu lassen. Was er aber verwandelt hat, der Engel auf Erden, das bleibt in uns und bei uns alle Tage. 

Patrik Schwarz

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