08.07.2021 – Alltags-Gebete

 

Petrus und Johannes gingen hinauf in den Tempel zur Zeit des GebetesApostelgeschichte 3,1

Ich finde den Lehrvers zur heutigen Tageslosung besonders. Es ist kein großes Bibelwort. Kein besonderer Kandidat für Tauf- oder Konfirmationssprüche. Er beschreibt einen ganz alltäglichen Moment aus dem Leben der ersten Christinnen und Christen. Zwei Brüder im Glauben gehen zur üblichen Gebetszeit in den Tempel. Vermutlich um eben dort zu beten. Ein vollkommen normaler Vorgang, wie er sich wohl alle Tage bislang wiederholt hat.

Diese Alltäglichkeit ist es, die mich fasziniert. Sie macht das Geschehen nahbar, denn auch wir kennen Momente des üblichen Gebets in unserem Tagesablauf. Vor einer Mahlzeit. Vor dem Zubettgehen. Vielleicht auch vor einer langen Reise oder einer Prüfung. Es sind oft eingeübte Gesten und Worte unseres Glaubens. Sie sind über all die Tage des Wiederholens fest in unsere Bewusstsein eingepflegt.

Wie fest, das zeigt eine schöne Szene aus Erich Kästners Buch: „Das doppelte Lottchen“: In dem dramatischen Moment zum Ende des Buches, als sich die eigentlich getrennt lebenden Eltern von Lotte und Luise zu einem hoffentlich versöhnenden Gespräch zusammensetzen, das auch darüber entscheiden wird, ob die Zwillinge fortan zusammen oder getrennt leben dürfen, fangen die beiden an zu beten. Aber ihnen fällt nichts anderes ein außer: „Komm, Herr Jesus, sei unser Gast und segne, was du uns bescheret hast!“

Manchmal fällt einem nichts besseres ein, als die schon immer eingeübten Glaubenswörter und ‑gesten. Auch wenn sie noch so unpassend wirken mögen. Petrus und Johannes hat ihr Alltag-Gebet zu der berühmten Szene mit dem Gelähmten vor der „Schönen Pforte“ des Tempels geführt. Sie ahnten wohl nichts. Und doch: Dieser Weg zum Tempel zur Zeit des Gebetes wurde diesem Gelähmten zur Heilsgeschichte.

Ich frage mich: Wo werden unsere alltäglichen Glaubenswegen anderen zum Heil gelangen?

Ulrich Frhr. v. Ulmenstein

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