07.09.2021 – Sünder

Ein Wort, mit dem man sich ungern betiteln lässt. Nicht durch andere aber auch nicht durch einen selbst. Die heutige Tageslosung spricht reuevoll von der eigenen Sündhaftigkeit:

Wir haben gesündigt samt unsern Vätern, wir haben unrecht getan und sind gottlos gewesen. (Psalm 106,6)

In einem sehr spannenden Gespräch mit Freunden wurde ich auf eine Frage gestoßen, die mich seither sehr beschäftigt. In dem Gespräch ging es darum, dass besagte Freunde sich in ihrem Glauben mit der Person Jesu schwertun. In ihrer Vorstellung von Gott fällt es ihnen viel leichter, mit Gott als Weltenerschaffer und als Vater und als heiligem Geist umzugehen, als mit dem Sohn Jesus. Die Vorstellung eines Menschen, der gleichzeitig Gott sei, verzerre doch das Göttliche, würde doch die Vorstellung eines vollkommenen Gottes beeinträchtigen. Im Verlauf des Gesprächs kamen wir schließlich auf die Frage, ob wir denn glaubten, dass wir mit Sünde beladene Menschen wären und ob wir der Vergebung dieser Sünde nötig hätten. Besagte Freunde verneinten dies. Darin steckte keine Arroganz, dass man über so etwas wie Sünde und Vergebung erhaben sei, sondern das Gefühl, dass hinter dem Begriff der Sünde eine Verdammung steckt, die sich schwer mit dem Bild eines liebenden Gottes verbinden lässt.

Die Frage, die mich aus diesem Gespräch seither begleitet ist, wie wichtig Sünde und Sündenvergebung für unseren Glauben als Christen in der Gegenwart sind – und was das mit unserem Christusbild macht. Ich glaube, dass diese Frage sehr schwer zu beantworten ist. Bereits der Begriff der Sünde ist da schon kompliziert. Da scheint es um mehr als nur um Unrecht zu gehen. Mehr als um die Beschädigung zwischenmenschlicher Beziehung. Auch die Beziehung zu Gott scheint in den Blick genommen zu sein. In den freikirchlichen Gemeinden, mit denen ich in meiner Jugend viel in Kontakt gekommen bin, war es die allgemeine Überzeugung, dass jeder ein Sünder war. Weniger im Sinne sog. Erbsünde sondern im Sinne einer generelle Fehlbarkeit des Menschen im sozialen Umgang untereinander. Die alltäglich erfahrbare eigene Unvollkommenheit wurde als Makel deklariert, aus dem nur der Glaube an Jesus befreien könne. Wie genau, das bleibt oft offen. Es ist ein Ansatz der auch in der Sektenforschung kritisch beäugt wird, besonders wenn der Ausweg aus der proklamierten Unvollkommenheit ausschließlich über die eigenhändig verwalteten Heilsmechanismen geboten wird. Auch vor diesem Hintergrund kann ich die Vorbehalte meiner Freunde aus den geschilderten Gespräch gegenüber der Glaubensgestalt Jesus verstehen.

Und doch liegt gerade in dem Zuspruch der Sündenvergebung etwas für mich ungreifbares aber zu tiefst bewegendes. Etwas, das mir auch im stärksten Selbstzweifel Selbstachtung anbietet. Vielleicht bin ich damit einem sektenhaften Trick auf den Leim gegangen. Vielleicht ist aber auch nicht entscheidend, was genau die Sünde ist, sondern dass sie vergeben ist und wir österlich singen können: „Sünd ist vergeben, Hallelujah! Jesus bringt leben, Hallelujah!“

Wie geht es Ihnen verehrte Leserin und verehrter Leser? Welche Rolle spielt die Sünde und ihre Vergebung in ihrem Glaubensleben?

Ulrich v. Ulmenstein

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