07.05.2021 – Handschuhe und Sonne

Ich radle zum CT in die Uniklinik . Es ist ein noch kalter, aber sonniger Morgen. An der Ampel steht vor mir eine junge Frau. Auf ihrem Rad im Kindersitz ein kleines Mädchen. Beide diskutieren über Handschuhe oder nicht Handschuhe. Die Mutter sagt: Du bekommst ganz kalte Hände!“ Das Kind antwortet: „Aber die Sonne scheint!“
Ich muss lächeln. Zwei Wahrheiten, zwei Realitäten, zwei Wahrnehmungen – und verschiedene Auffassungen, wie damit umzugehen ist. Wundert es Sie, wenn ich Parallelen zu unserer gegenwärtigen gesellschaftlichen und oft auch persönlichen Situation sah?

Aber auch mein eigener heutiger Weg war voll ambivalenter Gefühle. Fünf Jahre nach dem Krebs …. man sagt, wenn dann nichts nachgekommen ist, hat man gute Chancen …

Fünf Jahre hieß es – zwischen den Zeilen – kalte Hände. Und fünf Jahre erlebte ich – es scheint die Sonne. Ich bin zutiefst dankbar für eine intensive Zeit. Für Menschen, die Handschuhe bereithielten, für Menschen, die sich mit mir an der Sonne freuten. Freunde, Familie, Ärzte, Schwestern …

Corona hält uns nun über ein Jahr auf Trab. Und wir teilen uns immer mehr in zwei Gruppen. Die einen sagen: es ist kalt, zieh dich warm an. Die anderen: es scheint dennoch die Sonne.

Die Mutter sagte: „Ja, die Sonne scheint, aber sie wärmt noch nicht. Ich habe Handschuhe an. Deine stecke ich ein. Wenn Dir doch kalt wird …”

Können wir nicht so miteinander umgehen? Du hältst etwas anderes für wichtig als ich. Das macht nichts, solange wir einander akzeptieren… und jeder die Chance hat, eine Empfindung und Wahrnehmung nicht nur zu äußern, sondern auch zu ändern. Vielleicht zieht die Mutter ihre Handschuhe bald aus. Vielleicht will das Kind seine dann doch noch anziehen. Was wäre schlimm daran? Nichts. Schlimm wäre es, wenn jeder auf seine Wahrheit – kalt oder sonnig – besteht, wo es doch offensichtlich kein entweder/oder gibt, sondern ein und.

Ich liebe das Kind für sein Vertrauen in die wärmende Sonne.

Ich mag die Mutter für Ihre Fürsorge.

Ich liebe Gott, dass er mir beides schenkt.

Täglich neu! Nicht erst seit fünf Jahren, sondern seit 53.

Nach der Untersuchung radle ich fröhlich und ohne Handschuhe nach Hause – die Sonne scheint ja. Ich habe noch keine Ergebnis vom CT, aber – was für ein schöner Tag!

Corona ist noch lange nicht vom Tisch – aber was für ein Leben !

Claudia Krenzlin

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