06.05.2021 – Unsere Verantwortung

Aller Augen warten auf dich, und du gibst ihnen ihre Speise zur rechten Zeit. Du tust deine Hand auf und sättigst alles, was lebt, mit Wohlgefallen. (Ps. 145, 15-16)

Als beliebtes Tischgebet und bekannt als 4-stimmiger Satz von Heinrich Schütz ist mir der heutige Losungsvers aus dem Psalm 14 vertraut. Als Kind hab ich ihn gemocht und blind vertraut auf das, was ich sprach oder sang. Ich mag ihn auch heute noch, allerdings muss ich gestehen – er liegt mir quer im Magen, seit ich erwachsen bin und die Welt und ihre Umstände etwas besser zu kennen scheine. So wie mir jedes Jahr zu Erntedank so manches selbstverständliches „Danke, dass wir genug zu essen haben“ im Halse stecken bleibt – schwingt darin doch immer mit, dass Millionen Menschen genau das nicht haben. Weil Gott sich ihnen nicht zuwendet? Weil er ihnen seine offene Hand verwehrt? Weil er an ihnen kein Wohlgefallen hat?
Der Film „Hunger Ward“ war bei der diesjährigen Oscarverleihung als bester Dokumentarkurzfilm nominiert. Er begleitet eine Ärztin und eine Krankenschwester in zwei Krankenhäusern des Jemen. Schonungslos, nicht dramatisiert, ohne Schuldzuweisung und ohne viele zusätzliche Worte zeigt er das Sterben von Säuglingen und Kindern und den Kampf der Mediziner um wenige Kilo Leben. „Du sättigst alles, was lebt“? Nein, Gott, das tust du offenbar nicht! Will ich ihn anschreien. Auf dieser Welt bekommt eben leider nicht jeder seine Speise zu seiner Zeit.

Und trotzdem will ich an einen gerechten Gott glauben, der sich uns zuwendet. Wie passt das zusammen?

Ich kann es nur, indem ich uns selbst mit in die Verantwortung nehmen. Gottes offene Hand bedeutet nicht, dass ich mich zurücklehnen kann. Ja, Gott gibt, was diese Welt zum Leben braucht, und es reicht, damit alle satt werden können. Es aber allen auch zukommen zu lassen, es gerecht zu verteilen, allen Menschen gleichen Zugang zu fairen Bedingungen zu ermöglichen: Das liegt in unserer Hand. Wir sind eine große Tischgemeinschaft – ihn mit ausreichend Tellern zu decken, das traut und mutet Gott uns zu. Das wäre zu seinem „Wohlgefallen“.

Johanna Stein

 

 

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