06.04.2021 – Michael

Michael

In den norwegischen Medien sorgt gerade eine Geschichte für Aufsehen. Die Geschichte von Michael.
Michael starb im April 2011, so wird vermutet, in seiner Wohnung. Im Kühlschrank standen Lebensmittel mit einem Haltbarkeitsdatum in jenen Tagen. Michael wurde vergangenes Jahr gefunden. 9 Jahre nach seinem Tod. Mitten in Oslo. 9 Jahre lang hat ihn niemand vermisst.

Nicht nur, dass ein Mensch sich so isolieren kann, dass keiner sein Fernbleiben bemerkt, erschreckt. Sondern auch, dass wir in Gesellschaften leben, die so automatisiert, so digitalisiert sind, dass ein Mensch über Jahre im System weiterleben kann, auch wenn es ihn nicht mehr gibt. Versicherungen, Rente, Überweisungen, Rechnungen – alles lief weiter. Nachbarn dachten, er sei verzogen. Die Post stellte irgendwann die Zustellung ein wegen überfüllten Briefkastens. Seine Kinder hatten schon lange keinen Kontakt mehr zu ihm. Jeder dachte, es hätte schon einen Grund, dass es um ihn so ruhig geworden war. Oder jemand anderes würde sich kümmern.

Was an dieser Geschichte so schmerzt ist die Ahnung, dass es Michael vielleicht auch hier, in meiner Straße, in meiner Nachbarschaft, in meinem Stadtteil hätte so ergehen können. Hätte ich mich denn um ihn gesorgt? Wie viel kümmern wir uns denn um die, die nicht zu meinem Familien- und Freundeskreis gehören? Frage ich nach denen, die einsam, isoliert, still um mich herum leben?

Gerade in diesen Zeiten, in denen wir umso mehr verzichten auf die echte Begegnung und uns auf digital und Telefon beschränken – gerade in diesen Zeiten droht Michael verloren zu gehen. Ohne Handy, ohne Computer, ohne Internet.

Nach dieser Geschichte will Ich die Auferstehungsbotschaft auch als einen Auftrag an mich und uns als Gesellschaft lesen: Steine wegzurollen und Wege zu öffnen, damit Menschen aus dem Dunkel ins Licht treten. Aus der Einsamkeit ins Leben. Aus dem Schweigen ins Gehörtwerden. Aus der Angst in die Geborgenheit: Du bist nicht allein. Aus dem inneren Gestorbensein zurück ins lebendige Menschsein.
Ich hätte Michael mehr Ostermorgen gewünscht!

 

Johanna Stein

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