05.06.2021 – „Hölle, wo ist dein Sieg?“

 

Satan war hier“ und „Heil Satan“ zusammen mit einigen auf den Kopf stehenden Kreuzen hat jemand groß auf englisch an das Portal und die Umfriedungsmauer der Taborkirche gemalt. Ich bemerke es, als ich mit meiner neugeborenen Tochter am Trinitatissonntag zum ersten Mal in ihrem Leben dort entlang spaziere. Es ist ein Anblick, das mich die Tage nicht losgelassen hat. Ein bemerkenswerter Versuch, christliches Leben anzugreifen. In den Worten wird das Bild beschworen, der Höllenfürst höchst selbst sei in diese Kirche gekommen. Mit dem Heils-Gruß und den typisch verkehrten Kreuzen sollte der Ort scheinbar zu einer Anbetungsstätte Satans gewidmet werden. Der Vorfall beschwört die alte christliche Mythologie herauf, die besonders im Buch der Offenbarung der Bibel noch erkennbar ist: Die Welt befindet sich danach in einem ständigen Kampf zwischen himmlischen und höllischen Mächten. Der Teufel sucht nach Gelegenheit, unser Leben zu verderben. Nur der christliche Glaube kann vor seinem Einfluss bewahren und sichert den Schutz der Himmels zu. Ein zutiefst mittelalterliches Bild, was die Personen, die die Schrift an der Taborkirche angebracht haben, zeichnen. Diese Angst und Drohkulisse hat damals gut funktioniert.

Und in unserem Fall? Wie ist unsere Reaktion darauf? Was macht diese Tat mit uns? Zweifellos ist es ein Jammer um das schöne Portal. Es ist ein brutales, abstoßendes Zeichen an einem Ort, der doch einladend wirken sollte. Und doch hat die Beschwörung des Teufels und seiner Rotten für uns Christen, die dieses Zeichen versucht zu attackieren, doch nicht mehr die gleiche Bedeutung, wie sie dem mittelalterlichen Weltbild der TäterInnen zugrunde liegt. Sicherlich können wir mit Blick auf das Weltgeschehen höllische Zustände erkennen. Leid und Unglück, dass den Glauben an Teufel und Dämonen wachzuhalten vermag. Doch Teufel und Tod haben in unserem Glaube nie das letzte Wort. Sie sind mit Tod und Auferstehung Christi zur Bedeutungslosigkeit verdammt. Das ist keine Hoffnung, dass das Gute am Ende siegt, es ist unser Selbstverständnis, dass dieser Sieg bereits errungen ist. Mit Blick auf die Schrift an der Taborkirche denke ich nun ständig an die Worte im ersten Korintherbrief:

Tod wo ist dein Stachel? Hölle wo ist dein Sieg?” 1. Kor. 15,55

Ja, wo ist der Sieg der höllischen Macht, den dieses Zeichen proklamiert? Wo ist Satan? Was bleibt von ihm?

Auf dem Rückweg von besagtem Spaziergang kommen wir wieder an der Kirche vorbei. Aus ihrem Inneren erklingt Orgelmusik.

Satan war hier“

Und wenn schon. Er kann ja doch nichts tun.

Ulrich Frhr. v. Ulmenstein

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