04.07.2021 – Die Ruhe nach dem Sturm

In der Nacht entlädt sich das Gewitter nach Tagen brütender Hitze. Tage, an denen ich den Sonnenschirm über dem Vogelhaus auf meinem Balkon aufgestellt hatte. Die kleinen Meisen sollten ja nicht „gar“, sondern flügge werden. Ich entdeckte, dass durch die Hitze sich das Holzdach ein Stück weit gelöst hatte, aber ich wollte ja nun nicht mit dem Hammer ran und die Kleinen damit zu Tode erschrecken. Es würde schon noch halten bis zu ihrem Auszug.

In der Nacht das Gewitter. Mir fiel der Spalt ein und ich stand auf, um nach ihnen zu sehen. Vom Balkon über mir ergossen sich Wassermassen genau über das Häuschen. Mir blieb das Herz stehen. Ich holte einen Abfallsack und befestigte ihn, so gut ich es konnte, darüber. Das Wasser prasselte darauf. War es noch rechtzeitig?

Früh um fünf wachte ich auf. Es war stille und eine angenehm kühle Luft kam durchs offene Fenster. Was für eine Wohltat. Ich musste wissen, ob es den kleinen Meisen gut ging. Vorsichtig nahm ich meine eigenwillige Notabdeckung herunter. Kein Piepsen kam aus dem Häuschen. Mein Herz klopfte. Wenn nun … traurige Bilder entstanden in meinem Kopf. Ich wartete und wartete. Spatzen tschilpten im Hof, Tauben gurrten, aber die kleinen Meisen …

Ach, ich Stadtkind! Mit meinen „Eingriffen“ im besten Willen – womöglich hatte ich mehr an- als ausgerichtet? Leider passiert mir das immer wieder. Und nicht nur als Stadtkind in Sachen Natur, sondern auch als Mensch in Sachen Angelegenheiten anderer. Ich meine es gut, ich bin ganz ehrlich, ich glaube, Dinge zum Besseren zu bewegen … aber oft genug gibt es Ergebnisse, die so gar nicht meinem Ansinnen entsprechen. Wo ich mir dann sagen muss: „Konntest du nicht deinen Senf für dich behalten? Wer bist du denn, dass du anderen Ratschläge geben willst!“ Vor allem Rat-Schläge. Betonung liegt auf dem zweiten Wort.

Manchmal hilft eine Entschuldigung. Manchmal hilft auch die Stille nach dem Sturm. Damit die Emotion abflaut und der andere und ich zur Ruhe kommen. Meistens begreife ich dann (wenn auch nicht für ewig – leider!), dass ich nicht alles regeln, glätten, retten kann. Dass es dafür andere Kompetenzen gibt und das man manchmal auch besser „lassen“ als „machen“ sollte. Abgeben in höhere Hände. Die vermutlich auch meine kleinen Meisen tausendmal besser behüten können als ich mit meinem Sonnenschirm und Regenschutz.

Ein bisschen traurig und sehr nachdenklich sitze ich auf meinem Balkon. Und da – auf einmal – piepst es wieder im Kasten. Eine Mama-oder Papa-Meise bringt ein Würmchen für die Kleinen. Ich bin glücklich und denke gleichzeitig – ach, das arme Würmchen.
Sie sehen also, ich habe tatsächlich eine Meise :-).

Aber egal, das Leben geht weiter und ich vermute, ich werde nachher auch den Sonnenschirm wieder aufspannen. Es bleibt doch die große Hoffnung in mir, dass Gott geduldig mein stümperhaftes „Gutes tun“ in wirklich Gutes wandelt.

Auch heute tröstet er mich mit dem heutigen Kalenderspruch:

Ein Mensch bleibt weise, solange er die Weisheit sucht. Sobald er sie gefunden zu haben wähnt, wird er ein Narr.“ (Aus dem Talmud).

Vielleicht werde ich also kein Narr – und habe lieber eine Meise.

Einen schönen Sonntag wünscht Claudia Krenzlin

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