04.02.21 – Eine Liebesbilanz

„Die meisten Menschen brauchen mehr Liebe, als sie verdienen.“

                                                                                                               Marie von Ebner-Eschenbach

Das ist ein wahres Wort. Aber wieviel verdiene ich? Und was verdiene ich? Einer verdient 2.000,00 €. Einer verdient eine Tracht Prügel, einer verdient Nachsicht, einer verdient einen Orden, Künstler verdienen Applaus, viele verdienen Anerkennung. Manchmal denke ich, dieser oder jene habe so ein schweres Los nicht verdient. Aber kann ich mir Liebe überhaupt verdienen? Eher wohl nicht.

Ich weiß nicht, in welchem Zusammenhang die Dichterin auf diesen Gedanken gekommen ist. Wahrscheinlich kannte sie Menschen mit einem Defizit an Liebe. Defizit an empfangener Liebe, aber ebenso auch Defizite an gegebener Liebe. Was macht dieser Mangel an Liebe mit uns? Aus Filmen oder auch aus dem eigenen Erleben kennen wir Schicksale, wo Liebesentzug großes Leid und Gefühllosigkeit hervorbringt. Und dann wieder kommt es vor, dass Menschen, die selber wenig Zuneigung erfahren haben, erstaunliche Hingabe und Mitgefühl für Vergessene oder Benachteiligte entwickeln. Da kehrt sich der obige Satz geradezu um in den Satz: „Manche Menschen geben mehr Liebe, als sie selber bekommen haben.“

Da sollte man sich in einem ruhigen Moment einmal hinsetzen und sich fragen, wie es mit der eigenen Liebesbilanz aussieht. Freilich kann ich Liebe nicht verbuchen wie Plus und Minus auf meinem Girokonto. Aber man hat doch ein Gefühl dafür, ob man selber Zuwendung vermisst oder ob man merkt, dass man dem Partner, Freund, Kind, Nachbarn Zuwendung schuldig geblieben ist.

Ich wünsche Ihnen, dass Sie heute auf erwiesene Liebe dankbar reagieren.

Ihr Günther Jacob

 

One thought on “04.02.21 – Eine Liebesbilanz

  1. Hm, ja, mag sein, dass Frau Ebner-E. solche Fälle im Blick hatte, wo einer keinerlei “Echo” auf erwiesene Freundlichkeiten oder Hilfsbereitschaft bekam. Aber irgendwann fragt er sich dann doch, warum das so ist und ob das vergebene Liebesmühe war. Gerade in der Erziehung von schwierigen Kindern oder Jugendlichen kann es lange dauern, bis man den harten “Panzer” mit Güte durchbricht. Immer gelingt es sicher nicht, und ich glaube, dass es niemanden gibt, den das nicht traurig macht. Paulus sagt “… überwinde das Böse mit Gutem”, das ist ehrenwert, aber leicht ist es nicht.
    Viele Grüße G. Jacob

  2. Liebe, Anerkennung, Dankbarkeit- auch wenn wir sie zu verdienen meinen, sollten wir nicht erwarten.
    Ich ertappe mich selbst immer wieder in solch einer Erwartungshaltung und ärgere mich manchmal, wenn keinerlei Reaktionen auf eine Tat, eine Email oder ein Geschenk erfolgen. Zurückpfeifen muss ich mich und meinen Egoismus. Letztendlich habe ich doch etwas getan ohne primär Liebe, Anerkennung und Dankbarkeit zu erwarten. Sollte diese Erwartungshaltung Motiv für eine “gute Tat” sein, wäre es doch eher verwerflich. Ruhe und Gleichmut sind geboten und keine Erwartungshaltungen. Wenn dann doch Liebe, Anerkennung und Dankbarkeit erfolgen- umso schöner.

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