03.03.21 – Ein unbeschriebenes Blatt

„Nimm dir eine große Tafel und schreib darauf mit deutlicher Schrift.“ (Jes. 8/1)
„Nimm dir ein Holz und schreibe darauf.“ (Hes. 37/16)
In der Bibel findet man wenig solcherlei „Anweisungen“ – und zugegebenermaßen: liest man die Texte weiter, geht es um andere Dinge als um das Schreiben an sich. Doch die Bibel ist gefüllt mit Briefen.

Briefe schreiben. Für mich ist das ein Abenteuer. Da liegt auf dem Tisch vor mir ein weißes, ein unbeschriebenes Blatt. Es ist leer und aufnahmebereit. Ich zögere. Im Kopf sind Gedanken über Gedanken. Aber wie schreibe ich sie darnieder? Womit beginne ich?
Um wenigstens zu beginnen schreibe ich das Datum und eine Anrede. Liebe, Lieber …
Jetzt ist es kein unbeschriebenes Blatt mehr, ich kann loslegen.
Die Hand zögert noch, sie zuckt, sie hält sich zurück.
Doch sobald ich mit dem ersten Satz beginne sprudeln die Gedanken nur so aus meinem Kopf, die Hand mit dem Stift kommt kaum hinterher, ich muss die Worte und Sätze festhalten, sie müssen warten bis sie aufgeschrieben sind. Plötzlich kann ich erzählen, kann ich berichten, kann ich fragen, kann ich mein Freud und
Leid mitteilen. Ich kann Erlebnisse verarbeiten, über Vergangenes nachdenken, an Gemeinsames erinnern, auf Zukünftiges gespannt machen.

Als ich gefragt wurde, ob ich für das „Wort für den Tag“ etwas formulieren würde, sah ich in meinem Inneren ein weißes unbeschriebenes Blatt.
Was schreibt man darauf, was kann man sagen, was ist mir wichtig?
Was kann ein Wort für den Tag sein?
Kann ich das?

Dabei fiel mir meine so lieb gewordene Gewohnheit ein: eben das Briefeschreiben, ein weißes leeres Blatt zu füllen.
Ist das erzählenswert, gerade weil es heutzutage nicht mehr selbstverständlich ist?
Briefe zu schreiben ist für mich Gemütlichkeit, ist ein Ritual. Im gemütlichen Zimmer, bei einer brennenden Kerze und ruhiger Musik einer CD, mit einer Tasse Tee oder einem Glas Wein – und gern auch beim Duft eines Räucherkerzchens. Mit den Gedanken bin ich bei dem Menschen, dem ich schreibe. Ich bin ihm ganz nahe.
Ich kann nur Mut machen, es ist einfach wunderbar.

Johann Wolfgang von Goethe behauptet sogar: Briefe gehören zu den wichtigsten Denkmälern, die der einzelne Mensch hinterlassen kann.

Baberina Müller

One thought on “03.03.21 – Ein unbeschriebenes Blatt

  1. Danke für den schönen Hinweis auf die Bedeutung und die Freude des Briefeschreibens!
    Da lässt sich wieder einmal erkennen, wie die modernen Errungenschaften doch auch eine Kehrseite haben und mit Verlusten verbunden sind: Längere Briefe, die von der Muse inspiriert und mit Muße geschrieben werden, erscheinen den meisten heute als eine recht müßige Sache, wo es doch mit SMS und WhatsApp & Co. viel schneller geht.
    Vielleicht erleben wir ja noch, wie sich das Bewusstsein in dieser Hinsicht langsam wieder ändert?

    Und: Ein „Wort für den Tag“ oder ein Kommentar dazu ist auch ein Brief – zwar digital, aber doch mit Muße geschrieben…

    Heinz Schneemann

  2. Ich möchte einfach nur einmal DANKE sagen für die täglichen Worte der Begleitung. Für mich ist das Lesen und Reflektieren zu einem besonderen Ritual am Morgen geworden.
    Mit zuversichtlichen Grüßen
    Gisela Kallenbach

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