02.09.2021 – War da noch was?

Sedantag 1895 (Foto und Gedicht aus Wikipedia)

Heute ist der 2. September. Ein Tag wie jeder andere, oder war da noch was?
Vor reichlich hundert Jahren hätte darauf jedes Schulkind sofort eine Antwort parat gehabt: Heute ist Sedantag!
Der Tag, an dem die französische Armee 1870 nach der Schlacht bei Sedan vor den preußischen, bayerischen, württembergischen und sächsischen Truppen kapituliert hatte, wurde im Kaiserreich wie ein Nationalfeiertag begangen, auch wenn er nie offiziell zum Feiertag erklärt wurde. Und wie selbstverständlich wurde dabei auch Gott als oberster Führer in Anspruch genommen:
Nicht zuletzt an den Schulen wurden am 2. September patriotische Feiern abgehalten, die in den jungen Menschen nationale Begeisterung für das neugegründete Deutsche Reich und seinen Kaiser wecken sollten.

Zu diesem Anlass schrieb 1897 Frl. Hullmann, eine Lehrerin im westfälischen Lengerich, ein Gedicht, das sie von Kindern des 1. und 2. Schuljahres aufführen ließ:

1.Knabe:
Ich bin ein kleiner Mann, der nicht viel weiß und kann!
Doch kann ich längst schon fechten zur Linken wie zur Rechten.
Ich kann auch wohl marschieren und etwas exerzieren!
Und kämen die Franzosen mit ihren roten Hosen,
dann schlüge tüchtig drein die kleine Wacht vom Rhein!

2. Knabe:
Dann zögen wir in den Krieg, erföchten Sieg auf Sieg.
Und schüttelten die Pflaumen mit unserm rechten Daumen
von Bäumen in Paris, das ist gewiß.

3. Knabe:
Ach, schweigt von eurem Sieg. Ich geh’ nicht in den Krieg.
Da will man mich nur töten, und ich will euch was flöten!
Ich will heut‘ lustig spielen, will tanzen und hüpfen mit vielen,
und dann, juchhei, zum grünen Raum, denn etwas Schöneres gibt es kaum, Juchhei!

Ich bewundere diese Lehrerin aus dem Kaiserreich und kann mir vorstellen, dass es darüber vor 124 Jahren einige Diskussionen gegeben haben wird. Wir wissen heute, wie die Geschichte der nationalen Begeisterung für Deutschland weitergegangen ist.

Patriotismus ist ein heikles Thema in unserem – Vaterland. Allein schon dieses Wort lässt aufhorchen und führt sehr schnell in eine Art Polarisierungsfalle. Da heißt es: vorsichtig sein!
Doch wichtige Themen und Fragen drängen mit der Zeit umso vehementer an die Oberfläche, je länger sie unter Verschluss gehalten oder reglementiert werden. Dazu gehört offensichtlich auch die Frage nach einem deutschen Nationalbewusstsein. Sagen wir lieber: nach einem gesunden deutschen Nationalbewusstsein, das von dem kranken und unseligen Nationalbewusstsein, an das wir bei diesem Thema sofort erinnert werden, zu unterscheiden ist.
Diese Unterscheidung kann aber nur getroffen werden, wenn wir das Thema Patriotismus und Nationalstolz nicht von vornherein verdächtigen, für obsolet erklären und in die rechte Ecke verbannen, die dadurch nur gestärkt wird.
Gerade angesichts der vielzitierten Spaltungen in der Gesellschaft stellt sich die Frage: Braucht nicht jedes Volk ein positives Verhältnis zu sich selbst und etwas, womit sich die vielen, so verschiedenen Angehörigen dieses Volkes identifizieren und worauf sie stolz sein können?

Dafür bietet sich ein Begriff an, der 1970 von dem Politikwissenschaftler (A)Dolf Sternberger (1907-1989) geprägt wurde: Verfassungspatriotismus.
(1) Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.
(2) Das Deutsche Volk bekennt sich darum zu unverletzlichen und unveräußerlichen Menschenrechten als Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft, des Friedens und der Gerechtigkeit in der Welt.

Das ist der erste Grundsatz unseres Grundgesetzes. Haben wir nicht allen Grund, uns damit zu identifizieren und, ja, auch stolz darauf zu sein? Auch und gerade weil die Lebenswirklichkeit nicht selten noch sehr anders aussieht, ist es wichtig, dass die Frage nach der Würde jedes Menschen immer wieder ins öffentliche Bewusstsein gerückt und zum verbindenden und verbindlichen Maßstab allen Handelns gemacht wird – in unserem Mutterland und … Menschlichkeit kennt keine Grenzen.

Einen guten Tag wünscht Ihnen

Heinz Schneemann

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