02.04.2021 – Karfreitag

Kann ein männlicher Messias Frauen erlösen?

Evangelium“ bedeutet „gute Nachricht“: Diese gute Nachricht ist vor allem die Nachricht von Jesu Tod und Auferstehung. Darauf läuft alles hinaus. Und darum hat der große Theologe Martin Kähler einmal die Evangelien treffend als „Passionsgeschichten mit ausführlicher Einleitung” beschrieben. Die Passionsberichte bilden das Herzstück der Evangelien und den Kristallisationspunkt der christlichen Heilsbotschaft: Jesus starb, „auf dass alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben (Johannes 3,16).

Tatsächlich alle? Die feministische Theologie setzt sich mit den Geschlechterbeziehungen und ihre Auswirkungen auf Glauben, Kirche und Gesellschaft auseinander. Dabei kritisiert sie ein männlich bestimmtes Gottesbild, mit dem sich Frauen nicht oder nur schwer identifizieren können. Diese Kritik hat die Theologin Rosemary Radford Ruether auf die Spitze getrieben mit ihrer berühmten Frage: Wie kann ein männlicher Messias Frauen erlösen?

Auf alle Fälle war Jesus ein Mann der Frauen. Von Anfang bis zuletzt haben ihn Frauen unterstützt und begleitet. Und Jesus ist ihnen „auf Augenhöhe“ begegnet. Auch wenn wir Jesus deswegen nicht gleich als „neuen Mann“ und ersten Feministen feiern müssen, offenbar hatte er doch einen Blick für die gesellschaftliche Stellung der Frauen in seiner Zeit. Mehr noch: In einem tiefen Sinn teilte er ihr Schicksal.

In der Welt Jesu drückte sich die ungerechte soziale Ordnung auch in einer unterschiedlichen Zuschreibung und Zuteilung von Leiblichkeit aus. Gesellschaftlicher Stand und Körperlichkeit stehen in einem unmittelbaren Verhältnis. Sklaven wurde zum Beispiel mehr Leiblichkeit zugeschrieben als ihren Herren. Die Kreuzigung war eine extrem erniedrigende und qualvolle Hinrichtungsart für Sklaven. Jesus, das Fleisch (also Leib) gewordene Wort, kommt in enge Berührung mit Krankheit und Tod, indem er Kranke heilt und Tote auferweckt. Und er „nahm Knechtsgestalt an“ (Philipper 2,7). Er erleidet selbst Folter und den Tod, der für Sklaven vorgesehen war. So taucht er zum tiefsten Punkt der Leiblichkeit hinab. Zugleich nimmt er damit Eigenschaften an, die mit Weiblichkeit verbunden und den Frauen zugeschrieben wurden: Schwäche, Verwundbarkeit, Leiden. Darin vor allem kommt seine Weiblichkeit zum Vorschein.

Am Kreuz wird Jesus eins mit den Frauen.

 

Olaf Schmidt

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