02.03.21 – Wenn Ruinen erzählen

Anruf am Sonnabend.: Sag mal, bist du auch gerade am Predigtschreiben über das Weinberglied von Jesaja? Ich brauche mal eine Idee.

Jesaja singt vom Winzer, der alles für seinen Weinberg tut und trotzdem bringt er nur sauren Ertrag. Er fragt die Zuhörer*innen, was er tun soll und antwortet gleich selbst. Alles wird er abreißen, es nicht regnen lassen, Disteln wachsen und der Weinberg wird wüst daliegen. Die Leute sind erschrocken, weil sie genau wissen, wer hier besungen wird. Sie selbst, ihr Land, ihr Volk und Gott ist der Winzer.
„Der wartet auf Rechtsspruch, siehe, da war Rechtsbruch, auf Gerechtigkeit, siehe, da war Geschrei über Schlechtigkeit.“ Jes 5,7b
Ist denn in dieser scheinbar gottverlassenen Welt kein Ort des Friedens, der Gerechtigkeit und des Rechts? Wo wachsen gute Früchte?

Eine Geschichte von mir:
Im Familienbesitz befindet sich ein altes Rittergut. Rechtsbruch und Geschrei haben dem Haus und dem Garten so zugesetzt, dass es heute als Ruine und wüsten Flecken wie eine Wunde aus der Landschaft ragt. Holunder, stark wie Buchen, Dornen und Brenneseln haben schon längst die alten Obstbäume niedergedrückt.
Der alte Mann steht am Fuße der Ruine und beackert den alten Gemüsegarten. Er kennt Haus, Hof und Garten noch in voller Blüte.
Seit einigen Jahren hat er ein Stück des Gartens wieder urbar gemacht. Um das Refugium hat er Steine aufgeschichtet, die von seinem Kindheitshaus herabgestützt sind. Damit hält er die Wildnis zurück.
„Weißt du, wenn ich hier bin, dann erinnere ich mich an früher, wie es hier war und wie unser Vater alles so liebevoll und streng im Griff hatte. Alles hatte seinen Platz, seine Zeit und seinen Sinn. Hier habe ich meine Zeit, kann über das Leben und über Gott nachdenken. Und nebenbei wachsen hier wieder Erdbeeren, Tomaten und Kohlrabi. Naja und in mir wächst auch vieles neu auf und zusammen, was so brach dalag. Und wenn ich hier im Gelände bekannte, alte Gegenstände finde, dann lege ich sie hier auf das Mäuerchen. Jedes Teil erzählt mir Geschichten. Der verbeulte Milcheimer…in der Hand meiner Mutter, den verrosteten Rechen, mit dem Vater die Beete exakt anlegte. Jetzt wächst es hier wieder wie damals.“
Er strahlt mich an.
Und woher bekommst du das Wasser?
„Ich fange es auf oder ich frage da OBEN den Nachbarn. Komm jetzt, lass uns ein Glas Wein trinken. Der Wein ist in diesem Jahr besonders gut.“
Wir sitzen an einem wackligen Brettertisch. „Das sind alte Dielen aus dem Haus, da bin ich früher barfuß drüber gerannt.“ Na prost denn!

Aus mancher Wüste unseres Alltags wächst Neues und wir leben.
Gebe es Gott, dass wir alle solche Oasen entdecken. Es gibt sie.

Ihr Martin Staemmler-Michael

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