01. 06. 2021 – Kindertag

Als ich mir das erste Mal einen Corona-Selbsttest in der Apotheke kaufte, fragte ich, ob ich irgendwas falsch machen könnte bei der Benutzung. Die Apothekerin lachte und meint: „Eigentlich nicht. Wenn ein Strich bei C ist, dann heißt es, sie sind negativ.

Also, wie beim Schwangerschaftstest: nicht schwanger.“

Hm“, sage ich nachdenklich, „dieses Szenario kenne ich nicht. Ich war immer schwanger.“

Die hinter mir wartende Frau prustet los und wir müssen auch lachen.

Naja, immer schwanger war ja auch übertrieben.

Aber ich hatte an meinen letzten Schwangerschaftstest vor 27 Jahren gedacht.

Wir wohnten zu der Zeit zu viert in zweieinhalb Zimmern, kein Bad, in der winzigen Küche noch Waschmaschine und Duschkabine, Toilette auf halber Treppe, der Balkon wegen Abbruchgefahr gesperrt.

Aber wir waren froh, eine eigene Wohnung zu haben. Vorher wohnten wir bei den Schwiegereltern, was bei aller Liebe doch auch Anfechtung war.

Und nun – hatte ich Pickel auf der Stirn bekommen. Mein sicherstes Zeichen, schwanger zu sein. Aber ich wollte nicht … Ich war 25 und schon mit den zwei Kindern mehr als ausgelastet. Ein Schwangerschaftstest musste her. Ich starrte auf das zweite Fensterchen, in dem KEIN Strich sein sollte und dachte nur: Das ändert sich gleich noch. Du bist nicht schwanger. Es änderte sich nichts. Ich war schwanger.

Bedröppelt schrieb ich meiner Mutter. Telefon hatten wir noch nicht. Und bekam umgehend Post von ihr. Sie schickte mir das Märchen von „Tischlein deck dich, Esel reck dich, Knüppel aus dem Sack“. Darunter hatte sie geschrieben: „Die Ziege war so satt – mäh, mäh – obwohl sie das Gegenteil behauptete. Auch Euer Dritter wird satt. Und – der Dritte ist es, der womöglich die anderen mal „raushaut“, wenn das Leben sie in die Bredouille gebracht hat.“

Von diesem Brief an freute ich mich auf das Kind. Und es wurde ein feiner „Richard III.“

Mittlerweile hat er mich schon aus mancher Bredouille herausgehauen und die drei Brüder stehen absolut füreinander ein.

Meine Mutter hielt nie etwas von Kinder-, Mutter-, Frauen- oder Vatertag. “Was soll dieser eine Tag im Jahr,“ sagte sie. „Man muss sich sein Leben lang achten und füreinander sorgen. `Liebe deinen Nächsten´ ist nicht in 24 Stunden abgehandelt.“

Wo sie Recht hat, hat sie Recht.

Ich halte dennoch am Kindertag inne. Freue mich als liebende Mutter, freue mich als geliebtes Kind. Und bin mir sehr bewusst, dass das eine wie das andere keine Selbstverständlichkeit ist.

Claudia Krenzlin

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