01.05.2021 – Arbeit-Arbeit

Monatsspruch: „Erheb deine Stimme für Menschen, die nicht für sich selber sprechen können! Setz dich ein für das Recht aller Schwachen!“ (Sprüche 31,8)

Tageslosung: „Der Besitzlose aber wird nicht auf Dauer vergessen. Der Arme braucht die Hoffnung nie aufzugeben.“ (Psalm 9,19)

Die heutige Tageslosung und die Losung des neu begonnenen Monats atmen regelrecht den Geist der Arbeiterbewegung. Der kleine Mann, der in seinen Rechten beschnitten zu werden droht, wird in den Blick genommen. Die Fürsprache, der er bedarf, um nicht unter die Räder dieser Welt zu geraten. Als wollte sich die Losung auf ein Flugblatt der ersten Gewerkschaften drucken lassen.

Und tatsächlich ist das Bemühen um gerechte Arbeitsverhältnisse ungebrochen notwendig, die Hoffnung des Psalms ist nicht erfüllt. Wie in einem Brennglas zeigt die Corona-Pandemie und dieses Problem: wenn prekäre, stark von Abhängigkeiten geprägte Beschäftigungsverhältnisse das Infektionsrisiko für Arbeitnehmerinnen drastisch steigen lässt; wenn die bereits starke Auslastung eines so wichtigen Berufsfeldes wie der Medizin und der Pflege sich nochmal verschärft und auch mit Applaus nichts verändert wird; wenn Menschen, die ihren Beruf von Herzen gerne ausüben möchten, es aber wegen des Lockdowns nicht können. Manches an diesen Problemen ist neu. Vieles aber leider nicht und all die Jahre des Arbeitskampfes haben sie nicht behoben.

Der Monatsspruch fordert auf, sich für das Recht der Schwachen einzusetzen. Am Tag der Arbeit muss ich dabei auch an die in Art. 12 des Grundgesetzes geschützte Berufsfreiheit denken. Und daran, warum unsere Verfassung die Berufsfreiheit schützt (mit Worten des Bundesverfassungsgerichts von 1958):

Verbürgt ist dem Einzelnen mehr als die Freiheit selbständiger Ausübung eines Gewerbes. Wohl zielt das Grundrecht auf den Schutz der wirtschaftlich sinnvollen – Arbeit, aber es sieht sie als “Beruf”, d. h. in ihrer Beziehung zur Persönlichkeit des Menschen im ganzen, die sich erst darin voll ausformt und vollendet, daß der Einzelne sich einer Tätigkeit widmet, die für ihn Lebensaufgabe und Lebensgrundlage ist und durch die er zugleich seinen Beitrag zur gesellschaftlichen Gesamtleistung erbringt. […] [D]ie Arbeit als “Beruf” hat für alle gleichen Wert und gleiche Würde.“

Mehr als nur um den bloßen Gelderwerb geht es der Verfassung um Anerkennung für die Entfaltung der eigenen Persönlichkeit, wenn sich der einzelne Mensch in einem Beruf verwirklicht. Bodo Wartke hat dieses Anliegen einmal sehr gut besungen.
Dennoch wirken diese Ansprüche wie Hohn in einem Land, in dem auch heute riesige Lücken zwischen der Anerkennung verschiedener Berufsgruppen klaffen – selbst wenn uns ihre Systemrelevanz heute so deutlich wie nie vor Augen steht. In einem Land, indem es lange auch wegen politischer Verfolgung unvorstellbar war, dass man seinen Traumberuf ergreift. Und doch: wenn heute durch materielle Ungleichheit in der Gesellschaft Lebensträume verstellt werden oder wenn diese wegen fehlender Anerkennung und schlechten Arbeitsbedingungen erstickt werden, so mahnt uns das Ideal hinter Art. 12 GG an, unsere Stimmen für diese Menschen zu erheben, die zu oft vergessen werden!

Ulrich Frhr. v. Ulmenstein

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.